titelthema
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wirtschaft + weiterbildung
02_2013
vom Arbeitsgericht einkassiert. Es blieb
aber bei der endgültigen Trennung. Die
Auseinandersetzungen um den Gekün-
digten hatten nicht nur die Ärzteschaft,
sondern auch die gesamte Belegschaft
gespalten. Auch nach seinem Abgang
ging ein Riss durch die Mitarbeiter. Es
herrschte Misstrauen und eine gegen-
seitige Blockadehaltung. Zu allem Über-
fluss drohte bei weiterer ökonomischer
Talfahrt ein Verkauf des Klinikums an
eine „Heuschrecke“. Je kritischer die Si-
tuation wurde, desto mehr litten die Um-
gangsformen. Der neue ärztliche Direktor
(Sprecher der Chefärzte), Privatdozent
Dr. Niko Zantl, wurde in der Öffentlich-
keit sogar der Lüge bezichtigt. Man ver-
suchte, ihn in seiner Glaubwürdigkeit zu
erschüttern. „Multiples Organversagen
am Klinikum“, diagnostizierte die Lokal-
zeitung „Südkurier“ den damaligen Zu-
stand des immerhin seit 1225 bestehen-
den Krankenhauses.
Zantls Versuch, den Streit durch einen
Führungskräfte-Workshop in Eigenregie
zu lösen, half nicht wesentlich weiter. Der
Vorsatz, sich bei der Suche nach Problem-
lösungen allein auf die Sachebene zu kon-
zentrieren, konnte nicht funktionieren.
Der Mediziner lernte auf einem Kongress
die beiden systemischen Organisations-
berater und Konfliktklärungsexperten
Hans-Jürgen Lenz und Werner Moser von
der Freiburger Unternehmensberatung
„Balance“ kennen. Beide entwickelten
für das Klinikum das Konzept „Hocheska-
lierte Konflikte mit Herzintelligenz lösen“
und starteten mit einem zweitägigen
Workshop für die vier Mitglieder der Kli-
nikleitung (zu denen auch der ärztliche
Direktor gehörte) und die 18 Chefärzte
des Krankenhauses. Das Ziel war, mög-
lichst viele Konflikte anzusprechen und
im Dialog zu klären, die Anwesenden
zu einem geschlossenen, handlungsfä-
higen Leitungsteam zu vereinen und das
Engagement für Projekte zu erhöhen,
die die Wirtschaftlichkeit des gesam-
ten Klinikums fördern. In diesem ersten
Workshop kam es darauf an, die Fronten
aufzubrechen, Konfliktmuster offenzule-
gen und ein Umdenken zu ermöglichen.
Dazu mussten die Teilnehmer emotional
erst einmal wachgerüttelt werden. Ein
Hilfsmittel auf diesem Weg war, dass der
Workshop anders startete als alle anderen
Seminare, die sie bis dahin erlebt hatten.
Beim Betreten des Seminarraums sahen
die Teilnehmer brennende Kerzen,
Jonglierbälle, bunte Seile und Stoffdel-
fine. Die erste Reaktion war, dass viele
Ärzte milde lächelten und sich mit einer
spürbaren inneren Abwehr in den Stuhl-
kreis setzten. Die Trainer griffen das auf
und eröffneten die Veranstaltung mit den
Worten: „Wir wissen, dass das Ensemble
für Sie lächerlich wirkt, aber es erschließt
sich gleich, wofür es steht.“ Lenz erklärte
dann: „Die Kerze, die da brennt, soll Ihnen
zeigen, dass Licht stärker ist als Dunkel-
heit. In Ihrer Klinik herrscht viel Finster-
nis. Mit der Arbeit, die wir hier machen,
möchten wir Licht ins Dunkle bringen.
Die Delfine überleben seit 30 Millionen
Jahren, weil sie sich unterstützen, effektiv
zusammen jagen und hoch kommunikativ
sind. Das ist etwas, was Ihnen fehlt.“
Wachrütteln und hinterfragen
Ehe sich die Teilnehmer versahen, ging
die Begrüßung in eine „Brandrede“ über,
in der die Trainer die durch die Zwie-
tracht hervorgerufenen Missstände am
Klinikum in aller Offenheit ansprachen.
Dieser Paukenschlag war als Initialzün-
dung genau geplant. Vorher hatten die
Trainer bei der Belegschaft des Klinikums
und bei Bürgern und Politikern der Stadt
Konstanz recherchiert, welche Auswir-
kungen die Spannungen auf die täg-
liche Arbeit und das Ansehen der Klinik
haben. „Wir gingen bis an die Schmerz-
grenze dessen, was man Ärzten an den
Kopf werfen darf“, erinnert sich Lenz.
„Aber alle plastisch beschriebenen Miss-
stände entsprachen den Tatsachen.“ Die
r
04.
Durch Offenheit in der Kom-
munikation eine
Brücke in die
Welt des anderen
bauen
05.
Durch Gleichmut für mehr
Stressfreiheit, Gesundheit
und
inneren Frieden
sorgen
06.
Wahrhaftigkeit
als Grundlage
für Kooperationen und
Konfliktlösungen akzeptieren
Projektarbeit:
Nach erfolgter Klärungsarbeit wurden wichtige Projekte, die
wegen allgemeiner Spannungen ins Stocken gerieten, neu gewichtet.
Fotos: www.balance-beratung.de