Seite 48 - personalmagazin_2014_06

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personalmagazin 06 / 14
Organisation
_Arbeitsqualität
Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
meisten den demografischen Wandel
und den Fachkräfteengpass sehen. Zwi­
schen den Branchen gibt es erkennbare
Unterschiede: Besonders kurzsichtig ist
die Personalplanung in den Branchen
Information, Kommunikation, Verkehr
und Handel, während das verarbeitende
Gewerbe und die Finanzbranche weit­
sichtiger planen.
Benchmarking Personalbeschaffung
Angesichts des Fachkräftemangels be­
schaffen zehn Prozent der Betriebe Per­
sonal im Ausland. Unter den Großbetrie­
ben sind das bereits 26 Prozent, bei den
kleineren Betrieben immerhin sechs
Prozent. Social Media setzen 27 Prozent
der Betriebe zur Personalrekrutierung
ein, besonders stark diejenigen Betrie­
be, die einen Personalengpass erwarten.
Pro ausgeschriebener Stelle erhalten
die Betriebe im Durchschnitt 26 Bewer­
bungen, die Variation ist allerdings sehr
groß: Der Modalwert, wie die häufigsten
Werte statistisch genannt werden, liegt
zwischen zehn und 20 Bewerbungen.
Die Betriebe können ihre Stellen nach
wie vor relativ zügig besetzen. Die Zeit
von der Stellenausschreibung bis zur
Vertragsunterzeichnung liegt meist
zwischen einem und drei Monaten. Klei­
nere Betriebe können ihre Stellen eher
innerhalb von einem Monat besetzen
als Großbetriebe. Von den Eingestellten
kündigen neun Prozent während der
Probezeit, fünf Prozent werden vom Ar­
beitgeber gekündigt. Die Detailanalysen
weisen auf einen interessanten Befund
hin: Wer mehr Zeit in die Prüfung der
Bewerber investiert, hat eine niedrigere
Fluktuationsrate.
Personalentwicklung
Die Mitarbeitergespräche haben sich als
zentrales Instrument der Personalent­
wicklung durchgesetzt. Während der
Verbreitungsgrad bei den Großbetrieben
erwartungsgemäß bei 84 Prozent liegt,
setzen immerhin 66 Prozent der Betriebe
zwischen 50 und 99 Mitarbeitern dieses
Instrument ein. Mit Führungskräften
werden häufiger Mitarbeitergespräche
geführt als mit normalen Mitarbeitern.
Das war zu erwarten. Überraschend ist,
dass die Wahrscheinlichkeit, an Mit­
arbeitergesprächen teilzunehmen, mit
dem Alter sinkt.
Die Detailanalysen zeigen, dass der
Einsatz von Mitarbeitergesprächen
positiv mit dem Commitment, der Ar­
beitszufriedenheit und der Verbleib­
wahrscheinlichkeit korreliert. Einen
entsprechenden Zusammenhang gibt es
auch bei Zielvereinbarungen, allerdings
in geringerem Umfang.
Zugriff auf zahlreiche Daten
In der Studie wurden zudem Daten
zur Weiterbildung, der variablen Ver­
gütung, der Unternehmenskultur, der
Frauenförderung, dem mobilen Arbei­
ten, der Work-Life-Balance erhoben, die
unter
stenfrei zur Ver­
fügung stehen. Auch Personalforscher,
die nicht an der Studie beteiligt sind,
werden über das IAB auf die Datensät­
ze zugreifen und diese für ihre eigenen
Forschungen nutzen können.
Politische Interpretation
Welche Brisanz die Fakten zum Perso­
nalmanagement im politischen Kontext
haben, wurde schon bei der Präsen­
tation der ersten Ergebnisse deutlich.
Dr. Wilhelm Adamy, Abteilungsleiter
Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen
Gewerkschaftsbund (DGB), warf den
Betrieben vor, keine langfristige Per­
sonalplanung zu machen und damit
das Problem des Fachkräftemangels
zu verschärfen. Alexander Wilhelm,
Abteilungsleiter betriebliche Personal­
politik bei der Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA),
sah durch die Studie bestätigt, dass die
Betriebe sehr viel in die Mitarbeiter in­
vestieren. Angesichts von Umbrüchen,
Markt- und Technologieveränderungen
würden die Betriebe eine realistische
Personalplanung betreiben. Spiegel
Online griff diese Kontroverse auf und
stellte den Artikel zur Studie unter den
Titel „Betriebe schlampen bei der Perso­
nalplanung“. Dass diese Lesart die Ge­
werkschaftssicht auf die Studie darstellt,
unterschlug der Bericht: Spiegel Online
schlampte hier bei der Recherche.
Doch die Studie bietet nicht nur Stoff
für den Schlagabtausch der Sozialpart­
ner, sondern vor allem für die fachliche
Weiterentwicklung des Personalma­
nagements: Die Daten helfen den Be­
trieben beim Benchmarking und der
Standortbestimmung. Bleibt zu hoffen,
dass die Sozialpartner über den For­
schungsbeirat des BMAS die Studie wei­
ter unterstützen, und dass das BMAS
auch für die nächsten Erhebungen die
Fördergelder zur Verfügung stellt. Die
Betriebe brauchen die Ergebnisse auch
dann, wenn die These von Thorben Alb­
recht nicht bestätigt wird: Ein mitar­
beiterorientiertes Personalmanagement
bringt mehr wirtschaftlichen Erfolg. Aus
Sicht des Personalmanagements hoffen
wir natürlich, dass sich solche Zusam­
menhänge darstellen lassen.
„Betriebe, die Fachkräfteengpässe erwarten, nutzen
mit 20 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Social
Media zur Personalgewinnung als Unternehmen, die
keinen Fachkräfteengpass befürchten.“
LPP Betriebsbefragung 2013 und IAB-Betriebspanel 2012