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personalmagazin 04 / 14
Spezial
_Gesundheitsmanagement
Studienteilnehmer den Status in zehn
Jahren beurteilen.
Din Spec: Bekanntheit und Nachfrage
Dass BGM erst seit jüngerer Zeit im Fo-
kus deutschsprachiger Unternehmen
steht, zeigt die vergleichsweise kurze
Zeit von rund vier Jahren, die sich die
meisten Befragten mit diesem Feld ausei-
nandersetzen. Orientierung für Experten
und Novizen im BGM bietet seit 2012 die
Din Spec 91020 „Betriebliches Gesund-
heitsmanagement“. In der vorliegenden
Studie war diese Norm allerdings nur
26,6 Prozent der Befragten geläufig. Von
diesen wiederum empfanden nur 36,7
Prozent die Norm als nützlich für die ei-
gene Arbeit im Unternehmen.
Träger komplexer Instrumente wie die
des BGM sind jedoch keine Normen oder
Lehrbücher, sondern die handelnden
Personen in der Organisation. Der Per-
sonalabteilung wurde hierbei jedoch kei-
ne wirklich zentrale Rolle zugeschrieben
(4,5 auf einer Skala mit 7 = sehr große
Rolle). Bei der Einführung war zudem
nur in gut der Hälfte der Organisationen
(52,9 Prozent) die Personalabteilung
beteiligt. Mit 38,4 Prozent haben das
Management und mit 26,9 Prozent die
Betriebs- und Personalräte die Einfüh-
rung eines BGM angeregt (Mehrfach-
nennungen möglich).
Offensichtlich benötigen viele der
Befragten noch Impulse und Orientie-
rungspunkte von außen, etwa durch
Messen, praxisnahe Fachartikel oder
erfahrene BGM-Berater: 73,7 Prozent
der Studienteilnehmer gaben an, dass
sie von diesen Formaten insbesondere
Praxisbeispiele aus Unternehmen wün-
schen, sich Austausch- und Netzwerk-
möglichkeiten erhoffen (69,2 Prozent)
und spezielle Ansätze für KMU erwar-
ten (51,6 Prozent); Mehrfachantworten
waren möglich.
Zeichen der Zeit noch nicht erkannt
Der stark gestiegenen Zunahme psychi-
scher Erkrankungen sowie der kontinu-
ierlichen Steigerung der Muskel- und
Skeletterkrankungen zum Trotz, führen
aktuell erst deutlich weniger als die
Hälf­te der befragten Betriebe überhaupt
Maß­nahmen zum BGM durch. Vor dem
Hintergrund der Entwicklung des be-
trieblichen Krankheitsgeschehens und
der Tatsache, dass BGM nicht nur Kür,
sondern insbesondere auf Grundlage
des Arbeitsschutzgesetzes (Stichwort:
Ge­fährdungsbeurteilung) und des SGB
IX (Stichwort: betriebliches Eingliede-
rungsmanagement) auch Pflicht ist,
beschreibt dieses Ergebnis desolate
Zustände; knapp ein Drittel der befrag-
ten Betriebe plant erst entsprechende
Maßnahmen. Aktuelle Topzielgruppen
des BGM sind Führungskräfte, ältere
Beschäftigte und Angestellte – und wer-
den es auch in zehn Jahren noch sein.
Interessant ist, dass neben den älteren
Beschäftigten auch gewerbliche Arbeit-
nehmer und Beschäftigte mit Migrati-
onshintergrund die stärksten Zuwachs-
raten aufweisen und damit immer mehr
in den Fokus des BGM geraten – wenn
auch möglicherweise noch auf zu nied-
rigem Niveau.
Alle zur Abfrage gestellten BGM-
Themen werden in zehn Jahren in den
Betrieben einen höheren Stellenwert
einnehmen als heute. Aktuelle Topthe-
men des BGM sind „Betriebliches Ein-
gliederungsmanagement“, „Burnout“
und „Gesundheitsbezogene Führung“.
Die Unternehmen haben also psychische
und physische Erkrankungen als The-
men erkannt. Das Topthema der Zukunft,
welches zudem die stärksten Steige-
rungsraten aufweist, lautet jedoch „Al-
ternsgerechte Arbeitsgestaltung“ – auch
wenn diese Erkenntnis in einem gewis-
sen Missverhältnis zu der Tatsache steht,
dass gerade einmal ein Sechstel der Un-
ternehmen (16,5 Prozent) verhältnisbezo-
gene Maßnahmen zur alternsgerechten
Arbeitsgestaltung angeht. Möglicherwei-
se ist dies ein Hinweis darauf, dass die
Notwendigkeit zur alternsgerechten Ar-
beitsgestaltung in den Betrieben den Ver-
antwortlichen zwar bewusst ist, es ihnen
aber noch am Know-how zur konkreten
Umsetzung fehlt.
Unsere Studie zeigt: Noch haben nicht
alle Arbeitgeber die Bedeutung des be-
trieblichen Gesundheitsmanagements
erkannt, ein großer Teil scheint jedoch
hier Fortschritte zu machen. Die bereits
heute im Fokus stehenden Themen des
BGMwerden einen noch höheren Stellen-
wert bekommen und um die Themen „De-
mografie“ und „Diversity Management“
ergänzt werden. Damit ist im BGM eine
wichtige Trendwende eingeleitet: die von
der Nachsorge zur Prävention.
Prof. Dr. Jochen Prümper
leitet das
Fachgebiet Wirtschafts- und Organisations-
psychologie an der Hochschule für Technik
und Wirtschaft Berlin.
Janina Zinke
ist Master-Studentin im Be-
reich Sozial- und Organisationspsychologie
an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Prof. Dr. Jens Nachtwei
lehrt Perso-
nal- und Organisationspsychologie an der
Humboldt-Universität zu Berlin und der
Hochschule für angewandtes Management.
Stefanie Hornung
ist Pressesprecherin
der Messen Zukunft Personal und Personal
Nord/Süd bei Spring Messe Management.
Welche Bedeutung messen die Befragten dem BGM heute und künftig bei? Aktuell ist BGM
kein Schwerpunktthema, seine Bedeutung wird aber als zunehmend wichtig eingeschätzt.
Quelle: Prümper, Zinke, Nachtwei, Hornung 2014
aktuell
in fünf Jahren
in zehn Jahren
Stellenwert des BGM
Stellenwert des BGM: (---) kein Stellen-
wert bis (+++) sehr hoher Stellenwert
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+
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+
++ +++
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