personalmagazin 01 / 13
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Titel
_Trends 2020
Hochleistung im Wohlfühlbereich
trend III.
Selbstverwirklichung, Anerkennung und neue Aufgaben – mit diesem
Wertewandel sind Arbeitgeber künftig konfrontiert. Und alle wollen sich wohlfühlen.
Von
Ruth Lemmer
D
ie Filialleiterin erkannte ihr
Lager nicht wieder. Mehrere
Wochen hatte sie ihren DM-
Markt Lehrlingen überlassen,
während sie und ihr Team in anderen
Läden arbeiteten oder in den wohlver-
dienten Jahresurlaub gingen. Die ange-
henden Drogistinnen führten die Filiale
in Eigenregie – und bauten hinter den
Kulissen kräftig um. Nun stand nichts
mehr an seinemPlatz. Doch ihrem ersten
Schrecken folgte nach einem zweiten, ge-
nauen Blick ungeteilte Begeisterung: Die
Ordnung, die die jungen Leute schufen,
erleichtert und beschleunigt jetzt die
Lagerarbeit. Die Filialleiterin übernahm
das System – und schrieb den Lehrlin-
gen ein superpositives Feedback.
Wieder einmal bewies es sich, dass
schon junge, noch unerfahrene Mitar-
beiter „Unternehmer ihres Berufs und
Unternehmer ihres eigenen Lebens“
sein können, wenn man sie lässt, meint
Christian Harms, Geschäftsführer und
Arbeitsdirektor der DM-Drogerie Markt
GmbH & Co. KG in Karlsruhe. Rund 470
Auszubildende übernahmen den Re-
giestab in bundesweit 33 Filialen. Von
Aachen bis Wetzlar, auch in Großstädten
wie Berlin, Köln und München hatten sie
für einige Wochen das Sagen – und die
volle Verantwortung.
Im Team verteilen die jungen Men-
schen die Arbeitszeit untereinander, ent-
scheiden, wer wann den Filialleiter gibt,
ob Sonderangebote und Probierstände
für die Kunden eingerichtet werden.
Sie legen die Erwartung an Kundenzahl
und Umsatz fest – und investieren ent-
sprechend in Ware und Personaleinsatz.
Einziges Zugeständnis: Wenn ihre Erfah-
rung nicht reicht und sie den Rat eines
Profis benötigen, können sie jemanden
bitten, ihre Diskussion zu begleiten.
„Wir erfüllen mit den Lehrlingsfilialen
im nunmehr zwölften Jahr den starken
Wunsch nach Individualität, Selbstbe-
stimmung und Authentizität“, erklärt
Harms, der durch das Modell bestätigt
sieht, dass Mitarbeiter mitgestalten wol-
len, sich einbringen und dabei nicht kom-
plett selbstbezogen sind, sondern auch
wirtschaftliche Notwendigkeiten erken-
nen. Lieferanten, Kollegen und Kunden
kommen nicht zu kurz. „Eigenverant-
wortung ist ein ureigenes Bedürfnis, das
man nicht zu Hause lässt, wenn man
zur Arbeit geht“, so Harms. Damit trifft
der DM-Arbeitsdirektor einen wunden
Punkt. Zwar war Selbstverwirklichung
auch in den 70er-Jahren im Nachklapp
der 1968er-Studentenrevolten schon ein
Lieblingsthema junger Menschen, doch
die Babyboomer aus den Fünfzigern und
Sechzigern mussten sich in der Arbeits-
welt in der Mehrzahl anpassen, da sie
der schieren Arbeitnehmermasse wegen
leichter ersetzbar waren, als es die Ge-
neration Y mit den nach 1980 Gebore-
nen sein wird. Professorin Jutta Rump,
Hochschule Ludwigshafen, die gerade
ein Buch über „Die jüngere Generation
in einer alternden Arbeitswelt“ auf den
Markt brachte, zieht einen eindeutigen
Schluss: „Bei aller Anpassung werden
Studierende, die jetzt und erst recht die,
die in ein paar Jahren in den Job gehen,
die Wahlmöglichkeiten weitaus stärker
behalten als die Generationen vor ihnen.“
Hochleistung, aber selbstbestimmt
Diesen Berufsstartern kommt der de-
mografische Wandel zu Hilfe, wenn sie
Ansprüche an Arbeitgeber formulieren.
Und das tun sie. Ob Beratungen wie Ac-
centure und Hays, von Rundstedt und
Trendence oder wissenschaftliche Insti-
tute wie das IBE in Ludwigshafen und
das IOP in Bern, die Aussagen treffen
sich: Nachwuchskräfte bis circa 35 Jahre
erwarten vom Job eine hohe Lernkurve,
orientieren sich an Projekten, suchen
nach drei Jahren eine neue Herausforde-
rung, präferieren einen klaren Verant-
wortungsbereich, wollen etwas bewegen,
sind leistungsbereit, wollen aber dafür
die Anerkennung ihres Talents und ihres
Know-hows. Schon Trainees möchten ih-
re Schwerpunkte selbst wählen. Die ho-
he Internationalität soll sich auszahlen
„Es sind gute
Leute, die
gerne auch
eine Extra-
meile gehen.
Doch sie wollen auch ein
Time-out ohne schlech-
tes Gewissen nehmen.“
Prof. Dr. Norbert Thom, Institut für Organi-
sation und Personal der Universität Bern