personalmagazin 06 / 12
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PORTRÄT
„Es braucht jemanden, der nicht nur schwätzt, sondern auch große HR-Architekturen baut.“
© STUDIO LOSKE
es ein APO-Trainingslager, um diese
Haltung auszubilden?
Sattelberger:
Nein, dazu braucht es
solche Erfahrungen nicht. Dass das
bei mir die Arbeit in einer APO-Ju-
gendorganisation war, ist der Historie
geschuldet. Das kann auch bewusste
Rotation in schweres geschäftliches
Wildwasser, die Arbeit mit Kran-
ken oder konfrontierenden Werte-
Dilemmata sein. Das kann auch das
Umgehen mit einer Konkurssituation
oder ein Bespitzelungsskandal sein,
der an die Grundfeste der Moral rührt.
Manager brauchen solche Grenzerfah-
rungen, um zu reifen.
personalmagazin:
Welche Ihrer Überzeu-
gungen und Eigenschaften sind geprägt
von den Erfahrungen in der APO?
Sattelberger:
Die tiefe Sorge vor der
Demagogie der Macht. Und die vor
der eigenen Verführbarkeit. Das
sind zwei Seiten derselben Medail-
le. Das begegnet Ihnen nicht nur in
einer APO-Gruppierung, sondern
auch in Unternehmen, in der Kirche
und so weiter. Wie manipuliert dich
Macht, wo bist du verführbar, wie
entscheidest du dich in moralisch
schwierigen Konfliktsituationen? Das
waren für mich Kernerfahrungen.
Aber ich bin dadurch nicht unfehlbar
geworden. Die Zeit war übrigens auch
eine zutiefst positive Erfahrung. Wir
sind als junge Schüler angetreten für
Pressefreiheit, für Mitbestimmung,
gegen militaristische Ansprachen von
Lehrern und wir haben durch unsere
Aufklärungsarbeit dazu beigetragen,
dass sich Kultur in einem Schulsystem
verändert hat. Wenn ich heute für
freiheitsliebende Talententwicklung
eintrete, dann bin ich überzeugt, die
Kraft dafür ziehe ich aus meinen Er-
lebnissen als 16- und 17-jähriger.
personalmagazin:
Verstörend wirkt Ihre
neu entdeckte Begeisterung für Work-
Life-Balance. Ihr Ruf ist ein anderer.
Sattelberger:
Ich glaube, da habe ich mich
geändert. Als ich verstanden hatte, dass
das Thema Vielfalt mit Zeitsouveränität
zu tun hat, habe ich vor anderthalb
Jahren einen Kehrtwechsel anderen
gegenüber vollzogen und deren An-
sprüche an ihr Privatleben akzeptiert.
Zeitsouveränität heißt aber auch, dass
man mir nicht reinreden soll, wenn ich
viel arbeiten will.
personalmagazin:
Eine Erkenntnis, für die
Sie 63 Jahre alt werden mussten. Wer
hat Sie in Ihrem Arbeitseifer gesteuert?
Sattelberger:
Ich fand das ganz normal,
dass Menschen viel arbeiten. Ich habe
nie richtig reflektiert, dass andere
Menschen in Sachen Zeitgestaltung
andere Vorstellungen haben können.
Da wundere ich mich über mich selbst.
Da hat mir eine tiefschürfende Runde
mit unserer Diversity-Beauftragten
und 20 Frauen die Augen geöffnet.
personalmagazin:
Sie waren und sind eine
prägende Figur im Personalmanage-
ment. Wer wird der neue Sattelberger?
Sattelberger:
Kein Kommentar.
personalmagazin:
Braucht das Personalwe-
sen überhaupt einen Antreiber?
Sattelberger:
Ja. Die HR-Funktion
versinkt in der gesellschaftlichen,
öffentlichen Bedeutungslosigkeit. Ich
kann nur hoffen, dass sich da jemand
aus der zweiten Reihe herausschält. Je-
mand, der kämpft, aber nicht absolutis-
tisch. Jemand, der nicht nur schwätzt,
sondern auch große HR-Architekturen
bei sich im Unternehmen baut. Meine
Hoffnung liegt bei denen, die 20 oder
30 Jahre jünger sind.
Das Interview führten
Reiner Straub
und
Randolf Jessl.
Online
Das vollständige Interview mit
Thomas Sattelberger lesen Sie als
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