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PORTRÄT
SZENE
10 / 09 personalmagazin
Das Konzept für die Rekrutierung hat
Nestler selbst entworfen und sich dabei
weniger auf theoretische Erkenntnisse
als vielmehr auf eigene Erfahrungen und
sein Bauchgefühl verlassen. Als größtes
Problem entpuppt sich immer wieder
das indische Bildungssystem. Während
in Deutschland gezielt Kraftfahrzeugme-
chaniker, Lackierer, Mechatroniker oder
Automobilkaufleute ausgebildet werden,
ist das Konzept der betrieblichen Lehre
in Indien völlig unbekannt. Zwar gibt
es so genannte Industrial Training In-
stitutes (ITI), doch nur ein kleiner Teil
der Schulabgänger entscheidet sich für
diese technisch orientierten Schulen.
Hinzu komme, so Nestler, dass den jun-
gen Leuten in der ein- bis zweijährigen
ITI-Ausbildung nur sehr grundlegendes
Technikwissen beigebracht würde und
nicht jedes Institut das vollständige Cur-
riculum vermittle. „Wir finden selten
Bewerber, die sofort einsetzbar sind“,
beklagt er. Meist müssten die ITI-Absol-
venten nachgeschult werden, um die not-
wendigen VW-Standards zu erfüllen.
Viele Schritte bis zur Einstellung
Der weitaus größere Teil der Mitarbei-
ter wird auf anderem Weg rekrutiert.
Zunächst suchen externe Personalagen-
turen mittels Stellenanzeigen Bewerber
und laden diese zur Eignungsprüfung
ein. Nach Schreib- und Redetests so-
wie einem Vorinterview „bleiben von
1.000 Kandidaten meist nicht mehr als
300 übrig“, so Nestlers Erfahrung. Im
zweiten Schritt werden diese zu einem
praktischen Arbeitsversuch an mobile
Werkbänke gebeten. Mit kleinen Auf-
gaben soll die motorische und kognitive
Grundbegabung der Bewerber getestet
werden. „Anhand dessen können wir
uns ein erstes Bild von deren Fähigkeiten
machen“, erklärt Nestler, „und dann ent-
scheiden, wer zu einem Vor-Ort-Training
nach Pune eingeladen wird.“
Ausgestattet mit befristeten Verträgen
werden die Jobanwärter im VW-Werk in
theoretischen Themen wie Konzernge-
schichte, Qualitätsstandards, Umwelt-
oder Arbeitsschutz sowie in technischen
Grundlagen geschult. Nach drei Wochen
erfolgt eine umfassende Evaluierung
der Kandidaten und ihre Verteilung auf
bestimmte Produktionsbereiche. Dort
sammeln sie in den folgenden Monaten
praktische Erfahrungen direkt am Ar-
beitsplatz und durchlaufen Spezialisie-
rungsmaßnahmen. Ist das individuelle
Training erfolgreich abgeschlossen, ge-
hen die Arbeiter in normale Beschäfti-
gungsverhältnisse über.
„Es ist viel Nacharbeit nötig“, weiß
Nestler um den hohen Aufwand des Re-
krutierungsprozesses, der sich selbst bei
der Besetzung von Leitungspositionen
als langwierig erweist. Auf 30 freie Ma-
nager- und Officer-Positionen hatten sich
rund 250 Inder beworben. „Genommen
haben wir letztlich nur acht“, berichtet
er. Fast zum Wahnsinn habe es ihn ge-
trieben, dass sich viele in scheinbar ste-
reotyper Weise auf Vorstellungstermine
vorbereiten. „Nach zehn bis fünfzehn Ge-
sprächen fiel mir auf, dass alle die glei-
chen oberflächlichen Antworten gaben“,
erinnert sich Nestler an die erste Runde.
Auf die technische Kompetenz der Kandi-
daten konnte er so nur schwer schließen.
Seine Lösung ist ein Interviewkatalog,
mit dem er den üblichen Fragenkanon
aufbrechen und das tatsächliche Fach-
wissen überprüfen kann.
Bislang sind 850 Mitarbeiter in Pune
beschäftigt, mehr als die Hälfte davon
unter Nestlers Fittichen. Seit Mai läuft
die Fertigung des Skoda Fabia, dem-
nächst wird der indische VWPolo folgen.
Bis Ende 2010 soll die Vollproduktion
erreicht und die Belegschaft auf 2.500
Mitarbeiter aufgestockt sein. Noch viel
Arbeit für Holger Nestler, der nicht nur
mit beruflichen Herausforderungen zu
kämpfen hat. Zwar habe er schon meh-
rere Auslandseinsätze absolviert, doch
„Indien ist anders als alles, was wir
kannten“. Ohne die Unterstützung seiner
Frau Kathrin und der beiden Söhne wäre
er nicht nach Indien gegangen – und hät-
te eine einmalige Chance verpasst.
Ein Projekt mit Modellcharakter
Heute ist er stolz auf sein aus der Not he-
raus entstandenes Pilotprojekt. Ob sich
der gelernte Maschinenbauer mittler-
weile im HR-Bereich wohler fühlt als in
der Werkstatt? „Mir macht Recruitment
schon großen Spaß“, gesteht er unum-
wunden, aber die Nähe zur Basis, zur
Produktion, zu den Arbeitern möchte
er nicht missen. „Die Mischung macht’s
eben.“ Und das scheint sich herumzu-
sprechen: Mittlerweile kommen Kolle-
gen aus anderen VW-Werken nach Pune,
umNestler über die Schulter zu schauen.
Personalsuche von der Werkbank statt
vom Schreibtisch aus – ein Zukunftsmo-
dell für andere VW-Werke? „Unbedingt“,
ist Holger Nestler überzeugt.
„Die Kollegen aus dem Personalbüro konnten zwar
viele Leute heranschaffen, aber diese erfüllten
längst nicht unsere qualitativen Ansprüche.“
Holger Nestler
Als gelernter Maschinenbauer begann
er seine Laufbahn nach der Wiederver-
einigung bei Volkswagen in Wolfsburg,
holte berufsbegleitend sein Abitur nach
und ließ sich zum Industriemeister
Metall ausbilden. In den vergangenen
zehn Jahren absolvierte er verschiedene
Auslandseinsätze in Spanien, Portugal
und der Slowakei, bevor er 2008 als
Produktionsleiter nach Indien ging.
Andrea Röder
ist Journalistin und Inhaberin der
Agentur German Press Mumbai in Indien.