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2.2015
Aber die Spielregeln haben sich verändert. Das Universum ist
explodiert, zerschlagen in endlos viele Galaxien. Staub, Sterne,
Löcher und Planeten rasen um- und ineinander und in abseh-
barer Zeit kommt das nicht mehr zusammen. Also, was heißt
das für die, die sich mit dem Bauen, mit Architektur und Stadt
beschäftigen, wenn alles in und umuns vielfältiger, schneller und
unübersichtlicher geworden ist? Die Werkzeugkiste dafür ist be-
stückt mit Neugier, Leidenschaft und Mut, Flexibilität, Risikobe-
reitschaft, mit Kreativität, Kultur und Ideen, mit Offenheit und
Zusammenarbeit, kurz: mit Innovationen. Doch daran mangelt
es in der Immobilienbranche auf allen Ebenen.
Innovationsstudie
Unter der Leitung von Tobias Just hat die
IREBS an der Universität Regensburg eine bemerkenswerte Stu-
die zum Thema Innovationen in der Immobilienwirtschaft pu-
bliziert. Ein Informationsaustausch zwischen Marktteilnehmern
und ihren Kunden findet leider nur selten statt. Wie beim Streber
in der Schule ist die Sorge, dass der Nachbar abschreiben könnte,
größer als die Neugier. Intransparenz wird so zur Abwehr von
Konkurrenz, aber auch zum Innovationshemmnis.
Patentschutz für innovative Lösungen zum Beispiel von Ar-
chitekten oder Bauunternehmen ist kaum vorhanden. Und wenn
Ideen nicht geschützt werden, ist die Motivation, sie zu entwi-
ckeln und anderen zur Verfügung zu stellen, gering.
Durch hohe Kapitalbindung und hohe Fremdfinanzierungs-
quoten entsteht ein extrem hohes Sicherheitsbedürfnis, das auf
allen Ebenen innovationshemmend wirkt. Keine Experimente!
Schon gar nicht mit meinemGeld! Dadurch ist die klagefreudige
Branche intolerant gegenüber jeder Art von Fehlern. Diese Risi-
kovermeidungskultur hat sich fast flächendeckend durchgesetzt.
Eine Unternehmenskultur, die z. B. auch Fehler akzeptiert, ist
nahezu ausgeschlossen. Dabei spreche ich nicht Hasardeuren das
Wort, sondern frage nach einer Unternehmenskultur, die konti-
nuierlich nach besseren Lösungen sucht. Auch die kurzfristige, ri-
sikoscheueOrientierung der Kapitalgeber läuft häufig nicht paral-
lel zu der langfristigen, innovationsorientierten Ausrichtung der
Nutzer. Dadurch werden die Freiräume für Projekte außerhalb
der traditionellen Lösungen auf winzige Nischen reduziert. Des-
halb kann in dieser karstigen Landschaft eine Innovationskultur
nur schwer aus sich heraus entstehen.
So ist es nicht überraschend, dass Veränderungenmeist durch
öffentliche Hand und Gesetzgeber eingeführt, ja erzwungen wer-
den. Das Paradebeispiel sind die Energieeinsparverordnungen,
die in ihrer jeweils verschärften Formwie mit der Schraubzwinge
Innovationen aus der vertrockneten Branche pressen.
Auch bei Forschung und Entwicklung ist zumeist die öffent-
licheHand die treibende Kraft.Welches Immobilienunternehmen
hat schon eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung? Die Un-
ternehmen sind in der Regel zu klein.
Auch die Studienmöglichkeiten sind begrenzt. Den 354 Stu-
dienangeboten für Architektur standen 2014 nur magere 42 für
Immobilienwirtschaft und -management gegenüber. Wissen die
bereits alles? Ist Nachwuchs überhaupt gefragt?
Weiterdenken
Ein Um- und Weiterdenken ist dringend erfor-
derlich! Das ist gemeinsam imgroß angelegtenVerbund sinnvoll.
Ziel muss die Etablierung einer Innovationskultur in den einzel-
nenUnternehmen, denVerbänden, der Branche, der öffentlichen
Hand und beim Gesetzgeber sein. Dazu zählt ganz oben auf der
Liste Flexibilität. Um auf ein sich kontinuierlch wandelndes Um-
feld auch fortwährend reagieren zu können.
Und Risikobereitschaft. Um Neues zu entwickeln und um-
zusetzen. Und Offenheit. Um Zusammenarbeit und Neugier in-
nerhalb und außerhalb der Branche zu stärken. Denn gerade die
Schnittstellen unterschiedlicher Fachbereiche sollten als Quelle
für Innovationen genutzt werden. Auch sollte der Gesetzgeber
Innovationen nicht nur fordern, sondern auch fördern.
Also: Wer veranstaltet den dann jährlich stattfindenden Inno-
vationskongress für die Immobilienwirtschaft?Wer gibt den dazu
passenden Innovationsbericht heraus?Wer recherchiert ein Ran-
king der innovativsten Unternehmen der Immobilienwirtschaft?
Wer lenkt den Strom der Immobilienwirtschaft weg von der Fo-
kussierung auf den nächstenDeal hin zu einer Innovationskultur?
Kommentare und Vorschläge sind mehr als willkommen!
Wir wissen mehr, wir wollen mehr, wir sind in vielen Rollen unterwegs.
Informationsaustausch wird immer wichtiger. Doch die Sorge, dass der
Nachbar abschreiben könnte, ist größer als die Neugier.
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zur person
Eike Becker
leitet seit Dezember 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin.
Internationale Projekte und Preise bestätigen seitdem den Rang unter den erfolgreichen Architekturbüros in Europa. Eike Becker_Architekten arbeiten
an den Schnittstellen von Architektur und Stadtplanung mit innovativen Materialien und sozialer Verantwortung.