Seite 35 - Immobilienwirtschaft_2014_07-08

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-8.2014
chen werden sehr hohe Miet- und Kaufniveaus erreicht. Bezahl-
bare Wohnungen werden knapp.
Ende der durchmischten Stadt?
Ist das das Ende der durch-
mischten Stadt? Ist die integrative, pluralistische Gesellschaft
durch diese Entwicklung in Gefahr? Politik, Verwaltung und die
Immobilienwirtschaft suchen für die deutschen Großstädte nach
lokalen Lösungen. Leider zu langsam, zu vereinzelt und zu erfolg-
los. Bereits Anfang der 90er Jahr begann München dieser Ent-
wicklung entgegenzuwirken. Mit dem „Münchener Modell aus
der Sozialgerechten Bodennutzung“ wurde den Projektentwick-
lernmit der Baugenehmigung auf 30 Prozent der Flächen der Bau
von Sozialwohnungen auferlegt. Doch gerade inMünchen haben
sich durch den knappen Grundstücksmarkt und den Sozialanteil
die frei finanzierten Wohnungen besonders stark verteuert.
In Hamburg vereinbarten Senat und Bezirke, jährlich 6.000
Wohnungen zu bauen, davon 2.000 sozial gefördert. Köln hat den
Wiedereinstieg in den sozialenWohnungsbau, Stuttgart 2011 die
SIMWohnbauförderung beschlossen. Auch Berlin ist dabei, die
rechtlichenVoraussetzungen zur Anwendung ähnlicherMittel zu
schaffen. In einemMasterplanwerden zurzeit die städtebaulichen
Entwicklungspotenziale identifiziert, die für Wohnungsbau in-
frage kommen. Das Landwill Grundstücke zur Verfügung stellen,
auf denen zu einemDrittel mietpreisgebundene Wohnungen ge-
baut werden. Städtebauliche Verträge sollen auch private Inves-
toren zum Bau von Sozialwohnungen verpflichten.
Tempelhof: Rückschritt
Ein Rückschritt im Bemühen um zu-
sätzlichen und sozialverträglichen Wohnraum stellt die Ableh-
nung jeder Bebauung des ehemaligen Tempelhofer Flughafens
durch Volksentscheid dar. Hier waren bereits 4.500 Wohnungen
fest eingeplant. Umso mehr wächst der Nachverdichtungsdruck
auf die innerstädtischen Lagen. Doch inWirklichkeit geht es heu-
te nicht vornehmlich um quantitative Lösungen wie in den 50er
Jahren zur Zeit der Flüchtlingsströme und Kriegszerstörungen.
In den 70er Jahren entstanden so Hochhaussiedlungen wie in
Berlin Gropiusstadt, die sich in soziale Ghettos verwandelten.
Vielmehr stellt sich die Frage nach dem angemessenen Wohn-
raum heute mehr denn je. Die Städte sind in ihrer Lebendigkeit
gebauter Ausdruck von gesellschaftlichen Zuständen. Gerade hier
lässt sich eine fortschreitende Differenzierung und Individuali-
sierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen feststellen.
Um passende Wohnungen für diese unterschiedlichen Gruppen
errichten zu können und damit dauerhaft erfolgreich in einer sich
ständig wandelnden Gesellschaft zu sein, müssen unterschied-
liche Bedürfnisse besser verstanden werden. Genau genommen
geht es um nichts weniger als die Neubestimmung von dem, wie
gelebt, gewohnt, gefahren und gearbeitet wird: Wohnen-2-go.
Durchmischung: Wer heute Wohnungen bauen möchte, baut
für sehr unterschiedliche Personen. Die durchmischte Stadt
kann nur dannweiterhin bestehen, wenn unterschiedliche Bud-
gets und gesellschaftliche Gruppen gemeinsam in den neuen
Quartieren wohnen können. Wer verstehen möchte, was mit
durchmischter Stadt gemeint ist, sollte sich in den Frühstücks-
saal des Lloydhotels in Amsterdam setzen. Das Hotel bietet 1-,
2-, 3-, 4- und 5-Sterne Zimmer gleichzeitig an.
Mobilität: Mit demWohnen verändert sich auch die Mobilität:
Nur 29 Prozent der Berliner haben ein Auto. Das ist nach Fer-
dinand Dudenhöffer die geringste PKW-Dichte deutschland-
weit. Wo der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut und Parken
teuer ist, benutzen Viele auch das Fahrrad oder Carsharing-
Angebote. Das Auto verliert seinen Status.
Urban Gardening: Wer verstehen möchte, wie das Land- und
Stadtleben miteinander verbunden werden kann, sollte sich
am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg den Prinzessinnengarten
anschauen. Oder den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor
auf dem Tempelhofer Feld.
Mikroapartments: Ein Bewohner von Berlin hatte 1945 im
Schnitt 25 m² und kann heute 45 m² Wohnfläche für sich in
Anspruch nehmen. Kleinere Wohnungen verbrauchen aber
weniger Ressourcen, sind günstiger in Erstellung und Miete.
Gleichzeitig führen sie zu einer weiteren Belebung der Orte, wo
Städter miteinander in Kontakt treten können.
Also, raus aus den Ghettos!
Manchmal braucht die Stadt den Blick von außen zur Erleuchtung. ­
Berlin wächst erst seit drei Jahren. Nicht Quantität, Qualität ist heute
die ­Herausforderung. Wann ist Wohnraum „angemessen“?
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zur person
Eike Becker
leitet seit Dezember 1999 zusammen mit Helge Schmidt gemeinsam das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin.
Internationale Projekte und Preise bestätigen seitdem den Rang unter den erfolgreichen Architekturbüros in Europa. Eike Becker_Architekten arbeiten
an den Schnittstellen von Architektur und Stadtplanung mit innovativen Materialien und sozialer Verantwortung.