Seite 70 - Immobilienwirtschaft_2011_02

Basic HTML-Version

02 I 2011
Special
70
Der Gebäudeenergieberater ist ein vergleichs-
weise junger Beruf, der noch keine zwei Jahr-
zehnte alt ist. Die Immobilienwirtschaft sprach
mit dem ersten Vorsitzenden des Gebäude-
energieberaterverbands GIH, Jürgen Hofmann.
Die Wohnungswirtschaft arbeitet seit
Jahrzehnten bei der Bestandssanierung
mit Planern und Architekten zusam-
men. Wird jetzt zusätzlich der Gebäu-
deenergieberater gebraucht?
Hofmann:
In der Vergangenheit war es
so, dass der Architekt, salopp gesagt, sei-
nen Heizungsbauer anrief und gesagt hat
„ich hab soundso viel Kubikmeter um-
bauten Raum, bau mir die Heizungsanla-
ge“. Da heute an die gesamte Anlagetech-
nik mindestens so viele Anforderungen
gestellt werden wie an die Gebäudehülle
selbst, wurde mit dem Gebäudeenergie-
berater die Beratungslücke geschlossen.
Der Gebäudeenergieberater darf aber
nicht gleichzeitig beraten und ausfüh-
ren. Das wahrt seine Unabhängigkeit.
Die Ausführung der Maßnahmen muss
einem Dritten überlassen werden.
Welche Qualifikation sollte der Ener-
gieberater mitbringen?
Hofmann:
Der Energieberater sollte den
Architekten verstehen können, er muss
mit ihm auf Augenhöhe diskutieren kön-
nen. Deswegen sollte die Qualifikation
ein Ingenieurstudium beinhalten. Darauf
aufbauend, muss er sich jährlich weiter-
qualifizieren, weil die Entwicklungszy-
klen immer schneller aufeinander folgen.
Speziell Wohnungseigentümergemein-
schaften sind wegen der Eigentumsver-
hältnisse ein sehr diffiziles Feld. Man
muss mehr Überzeugungsarbeit leisten,
als bei einem Projekt mit einem Eigen-
tümer. Der Energieberater muss oft die
Brücke schlagen zwischen Eigentümern
und den Mietern.
Was soll zuerst saniert werden: Hülle
oder Heizung?
Hofmann:
Man muss immer eine Ge-
samtschau vornehmen. Wir haben ein
Haus Baujahr 1960 komplett saniert, was
weit über 100.000 Euro gekostet hat. Das
ist nicht immer finanziell darstellbar.
Hier sollte man intelligente Anlagen-
technik vorziehen. Wenn man darüber
hinaus noch etwas machen will, dämmt
man die obere Geschossdecke und
die Kellerdecke. Damit hat man schon
die Wirtschaftlichkeit im Großen und
Ganzen erreicht. Der Ausbau der Fen-
ster und das Dämmen der Außenwän-
de bringt noch einmal ein paar Prozent
mehr, aber das kann man nur in einem
Gesamtkonzept darstellen. Das erste Ziel
ist immer zu dämmen, weil es darum
geht, die Betriebskosten zu senken. Seit
zwei bis drei Jahren ist das aber auch mit
einer besseren Anlagentechnik möglich.
„Man muss immer eine Gesamtschau vornehmen.“
Ist diese Heizung nicht völlig überdi-
mensioniert, wenn nach ein paar Jah-
ren die Fassade gedämmt wird?
Hofmann:
Es bietet sich an, bei dem
vorhandenen Energieträger zu bleiben.
Wenn man den alten Niedertempera-
tur-Kessel gegen Brennwerttechnik und
eine rücklaufgeregelte Heizungsanlage
tauscht, bekommt man den garantierten
Brennwertnutzen, der bei Gas bis zu elf
und bei Öl bis zu sechs Prozent liegt.
Man kann die Anlage auch kaskadierend
für den jetzigen Wärmebedarf auslegen.
Wenn dann später die Hülle gedämmt
wird, kann die Anlagenleistung kaska-
dierend zurückgefahren werden.
Welche geringinvestiven energetischen
Maßnahmen sind effektiv?
Hofmann:
Vor allem der Energie-Check.
Der Energieberater geht mit offenen
Augen und ein paar Messgeräten in
die Immobilien und stellt zunächst die
Schwachstellen fest. Dabei wird auch
nach dem Nutzerverhalten geschaut.
Manchmal reichen danach schon kleine
Maßnahmen. Weiterhin kann man den
Kessel tauschen und rücklaufgeführte
neue Heiztechnik einbauen. Damit allein
kann man bis zu 30 Prozent Heizkosten
einsparen.
I
|
Offene Augen und Messgeräte
Interview mit
Jürgen Hofmann
Oliver Mertens, Stuttgart