Seite 61 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

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Konzepte vor. Dr. Gregor Czisch entwarf
die Vision eines komplett mit erneuerbaren
Energien versorgten Europa, das bei der
Nutzung der Sonnenenergie mit Nordafrika
kooperiert und 1.200 Meter hohe Türme für
gigantische Fallwindkraftwerke errichtet.
Dagegen plädierte Prof. Dr. M. Norbert Fisch
vom Institut für Gebäude- und Solartechnik
der TU Braunschweig für eine dezentrale
Energieerzeugung, die das Gebäude zum
Kraftwerk macht und dabei insbeson-
dere auf Photovoltaik setzt. Prof. Manfred
Hegger, Präsident der Deutschen Gesell-
schaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB),
sprach sich für einen stärkeren Einbezug
der Quartiere aus – denn „wir können nicht
jedes Gebäude energieautark machen“.
Was bringt die neue EnEV?
In Bezug auf die für dieses Jahr angekün-
digte Novellierung der Energieeinsparver-
ordung (EnEV) sprach Hans-Dieter Hegner,
Referatsleiter im Bundesbauministerium,
von einem „heiklen“ Abstimmungspro-
zess zwischen den beteiligten Ressorts.
Immerhin ließ er durchblicken, dass für
den Wohnbereich wohl keine wesentlichen
Verschärfungen zu erwarten sind: Der Koa-
litionsvertrag, so Hegner, habe festgelegt,
dass die Wirtschaftlichkeit zu beachten
sei; deshalb sei eine weitere Verschärfung
bei Wohngebäuden „eher nur punktuell
machbar“. Anders stelle sich die Situation
bei Nichtwohngebäuden dar. Der Bund
baue nur noch Verwaltungsgebäude, die
20 bis 30 Prozent weniger Energie ver-
brauchten als von der EnEV erlaubt. „Das“,
so Hegner, „könnte der künftige Standard
für Nichtwohngebäude sein.“
Christian Hunziker, Berlin
Interview mit Dipl.-Ing. Hans-Otto Kraus, Technischer Geschäftsführer der GWG München
Im Zusammenspiel können wir die Herausforderungen bewältigen
Einer der Referenten auf dem 10. Allgäuer Baufachkongress war mit Dipl.-Ing. Hans-Otto Kraus von der Münchner GWG
ein führender Vertreter der Wohnungswirtschaft. Der DW verriet Kraus, warum er den Dialog mit Baustoffproduzenten für
wichtig hält.
Herr Kraus, was war für Sie die Motiva-
tion, auf dem Allgäuer Baufachkongress
als Referent aufzutreten?
Kraus:
Grundsätzlich ist es notwendig,
dass wir als Wohnungswirtschaft uns mit
den Baustoffprodukten auseinandersetzen.
Unser Ziel ist ja eine ständige Optimierung
des Produkts Wohnung unter Berücksich-
tigung des Preis-Leistungs-Verhältnisses
und der Wirtschaftlichkeit. Daran sind sehr
viele Akteure beteiligt – Baustoffindustrie,
Planer, Bauherren. Erst im Zusammenspiel
all dieser Beteiligten können wir die Her-
ausforderungen bewältigen.
Wie weit berücksichtigt dabei die
Baustoffindustrie die Anforderungen der
Wohnungswirtschaft?
Kraus:
Die Zusammenarbeit zwischen
Wohnungswirtschaft und Baustoffindus-
trie hat sich gut entwickelt. Früher haben
die Hersteller eher isoliert für ihre Pro-
dukte geworben, ohne die spezifischen
Bedürfnisse der Endkunden zu berücksich-
tigen. Im Laufe der Zeit ist aber deutlich
geworden, dass eine isolierte Betrachtung
von Kon­struktionen nicht sinnvoll ist. Das
zeigt sich zum Beispiel beim Anbau von Bal-
konen: Hier hat die Baustoffindustrie zahl-
reiche verschiedene Systeme auf den Markt
gebracht. Solche Systeme müssen sich aber
auch in der Gestaltungsqualität und in der
Funktionalität bewähren. Man kann den
Anbau von Bal-
konen n i cht
nach Schema F
angehen, son­
dern braucht
eine Gesamtlö-
sung, die auch
die Mieter ein-
bezieht. Erfreu-
licherweise hat
die Baustoffin-
dustrie mittler-
weile erkannt,
dass die Woh-
nungswirtschaft andere Bedürfnisse als
zum Beispiel der Gewerbebau hat.
Welche Impulse erhofft sich die
Wohnungswirtschaft von der Baustoffin-
dustrie?
Kraus:
Wenn man Baufachkongresse
besucht, hofft man immer, Anregungen und
neue Ideen zu bekommen. Wichtige Punkte
sind beispielsweise die Sanitärtechnik und
vor allem die Lüftungstechnik. Hier stellt
die immer dichtere Dämmung der Wohn-
häuser hohe Anforderungen. Da freut man
sich immer, wenn man intelligente, platz-
sparende und wirtschaftliche Lösungen vor-
geschlagen bekommt. Ein anderes wichtiges
Thema stellt das industriell organisierte
Bauen dar, das – sowohl im Neubau als
auch im Umbau – die serielle Verwendung
von Bauteilen ermöglicht. Hier erhoffe ich
mir noch mehr Anregungen.
Ihr Vortrag auf dem Allgäuer Baufach-
kongress trug den Titel „Demografischer
Wandel: Chance für die Wohnungswirt-
schaft“. Inwiefern ist dieses Thema für
die Baustoffindustrie von Belang?
Kraus:
Die demografische Entwicklung
erfordert weitgehende Barrierefreiheit.
Daran knüpfen zahlreiche Fragen an. Wie
lassen sich zum Beispiele Aufzüge in beste-
henden Gebäuden optimal einbauen und
Balkone schwellenfrei zugänglich machen?
Gerade im Umbaubereich gibt es eine
Menge an kniffligen Problemen, die gelöst
werden müssen und bei denen auch die
Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen ist.
Eine andere Herausforderung: Wie organi-
siert man Bäder in Altbauten so, dass die
Bewohner sich festhalten und sich notfalls
auch mit dem Rollstuhl bewegen können?
Das Themenfeld geht bis hin zur elektro-
nischen Öffnung von Türen und zu Bewe-
gungsmeldern für die Lichtsteuerung. Das
sind oft Kleinigkeiten. Diese müssen aber
gestalterisch gelöst werden, und da gibt es
noch viel zu tun.
Herr Kraus, vielen Dank für das
Gespräch.
Mit Hans-Otto Kraus sprach Christian Hunziker.
Hans-Otto Kraus
Quelle: GWG München
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
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