Europa-Kolumne
Oslo öffnet sich zum Wasser
Mit rund einer halben Million Einwohnern zählt Oslo zu den kleinen Metropolen Europas. Aber die Stadt will mit ihrem
ehrgeizigen Stadtentwicklungsprojekt Fjord City zum Aushängeschild für Norwegen werden. Oslo wandelt sich damit – wie
viele andere europäische Städte auch – wieder vermehrt dem Wasser zu und will die dortigen attraktiven Lagen für die
Stadtentwicklung erschließen. Neben spektakulären öffentlichen Gebäuden wie der neuen Oper entstehen auch zahlreiche
Wohnungen – bisher allerdings nur für betuchte Interessenten.
Mit Fjord City will sich die nor-
wegische Hauptstadt zum
Wasser hin öffnen. Bisher war
der Zugang zum Meer durch das
Hafengebiet und die Stadtauto-
bahn am Fjordufer verbaut. Im
Jahr 2000 beschloss der Osloer
Stadtrat, die innenstadtnahen
Ufergebiete am Fjord komplett
umzugestalten. Bis 2030 soll
dort eine Mischung aus Wohn-
und Gewerbeflächen, kulturellen
Einrichtungen, Strandprome-
nade, öffentlichen Grünflächen
und Plätzen entstehen. Das Ent-
wicklungsgebiet umfasst zwölf
Kilometer Fjordufer und erstreckt
sich auf einer Fläche von 225
Hektar von Nordwesten nach
Südosten. Die Stadtautobahn
am Fjordufer wurde inzwischen
in einen Tunnel unter dem Meer
verlegt, um das Gebiet für die Stadtent-
wicklung nutzen zu können und die Luft-
verschmutzung und Lärmbelästigung in der
Stadt zu reduzieren. Von Fjord City aus soll
eine Straßenbahnlinie die Anbindung an
die Innenstadt gewährleisten. Der Hafen
wird weiter in den Süden verlagert.
Viel Kultur und mehr Wohnraum
Herzstück von Fjord City ist die neue Kul-
turmeile. Im Stadtteil Bjørvika eröffnete
2008 das vom norwegischen Architektur-
büro Snøhetta entworfene neue Opern-
haus, das manche als das Schönste nördlich
von Sydney bezeichnen. Das spektakuläre
weiße Gebäude erinnert an eine Eisscholle,
die sich in den Fjord zu schieben scheint.
2014 soll das Munch/Stenersen-Museum
fertig werden, drei Jahre danach folgt die
Deichman-Bibliothek. Im Stadtteil Tjuv-
holmen eröffnet 2012 das private Astrup-
Fearnley-Museum für zeitgenössische
Kunst, das der italienische Architekt Renzo
Piano entworfen hat. Zweifellos werden
diese kulturellen Einrichtungen nicht nur
die Bewohner Oslos, sondern auch Touristen
anziehen.
DieStadtbrauchtaberauchmehrWohnraum,
denn die Bevölkerung wächst jedes Jahr um
zwei bis zweieinhalb Prozent. In Fjord City
werden voraussichtlich rund 12.000 Wohn-
einheiten für 25.000 bis 30.000 Menschen
entstehen. Allein in Bjørvika, dem größten
Abschnitt des Stadtentwicklungsprojekts
südlich des Hauptbahnhofs, sollen 5.000
bis 6.000 Wohnungen gebaut werden. Bei
sämtlichen Projekten wird der Nullenergie-
bedarf sowie eine größtmögliche Barriere-
freiheit angestrebt. Die meisten Gebäude
werden am Sørenga Pier entstehen. Ein
Beispiel dafür ist ein vom Architektenbüro
Jarmund/Vigsnæs entworfener Wohnkom-
plex mit 127 Wohnungen und einem Kin-
dergarten, der im Herbst 2012 fertig gestellt
werden soll.
Teure Wohnungen am Fjord
Ähnlich wie in anderen neu geschaffenen
Wohnvierteln am Wasser – in der Ham-
burger HafenCity oder Ham-
marby Sjöstad in Stockholm
(siehe DW 2/2012, und 1/2011,
S. 28) – hat das Wohnen in
Fjord City seinen Preis. Eigen-
tumswohnungen kosten umge-
rechnet zwischen 10.000 und
11.500 Euro pro Quadratmeter
und damit doppelt so viel wie
eine vergleichbare Wohnung in
der Innenstadt von Oslo. Miet-
wohnungen wird es kaum geben
und sie werden nicht preiswert
sein. Zwar sieht der Fjord City
Plan mindestens zehn Prozent
bezahlbare Mietwohnungen vor.
Doch was bezahlbar ist, wird
darin nicht genauer ausgeführt.
Und öffentliche Gelder für den
Bau günstiger Wohnungen hat
es bisher nicht gegeben, beklagt
ein Verantwortlicher des nor-
wegischen Verbandes der Wohnungsbau-
genossen NBBL. Wie hoch eine Miete oder
der Preis einer Eigentumswohnung in Fjord
City ist, bestimmt allein der Markt. Und der
Wohnungsbau im ehemaligen Hafen- und
Gewerbegebiet ist teuer.
In Bjørvika – dem vermutlich teuersten
Wohngebiet in ganz Norwegen – sollen
jedenfalls 420 Studentenwohnungen
gebaut werden, erklärt ein Vertreter der
Kommune Oslo. Dies kann jedoch nicht
darüber hinwegtäuschen, dass bezahlbarer
Wohnraum ein heikles Thema bleibt. Kri-
tiker bezeichnen die neuen Stadtteile von
Fjord City als Enklaven von Reichen. Wer
es sich nicht leisten kann, in Fjord City zu
wohnen, wird zumindest die vielen öffent-
lichen Grünflächen am Wasser nutzen
können. Am gesamten Fjord entlang ist
eine attraktive Promenade geplant, die von
Parks und Plätzen gesäumt wird und zahl-
reiche Aufenthaltsmöglichkeiten am Wasser
bieten wird.
Gabriele Kunz, Hamburg
Attraktives, aber teures Wohnen am Wasser
Foto: Sørenga Utvikling AS
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
24
Städtebau
Grenzenloses Europa