Seite 22 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

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Partizipation im Quartier
Stadtentwicklung als bürgerschaftliche Aufgabe
Partizipation ist Kernelement eines modernen Politikverständnisses und eine Grundvoraussetzung für die nachhaltige
Gestaltung von Lebenswelten. Auch Stadt- und insbesondere Quartiersentwicklung wird so zunehmend zu einem
Aufgabenfeld bürgerschaftlicher Beteiligung. Von einer verstärkten Öffentlichkeitsbeteiligung versprechen sich die
Kommunen vielfachen Nutzen: höhere Akzeptanz von Entscheidungen, ausgewogenere Lösungen, verbesserte Qualität der
Leistungen und Projekte sowie mehr Identifikation der Bevölkerung mit ihrem Lebensumfeld.
Als vorrangige Partizipationsräume in der
Stadtentwicklung kristallisieren sich Stadt-
teile und Quartiere heraus. Hierfür sind vor
allem zwei Einflussfaktoren maßgeblich:
Zum einen steigert der lokale Bezug die
persönliche Betroffenheit und damit das
Engagement und die Bereitschaft, sich für
eine Sache zu engagieren. Zum anderen
unterstützen Programme der Städtebauför-
derung wie die Programme Soziale Stadt,
Stadtumbau West und Stadtumbau Ost,
zu deren Kernelementen und Fördergegen-
ständen Beteiligung gehört, Maßnahmen
und Projekte, die eine stadtteil- und quar-
tiersbezogene Partizipation vorantreiben.
Aktivierung und Beteiligung
in der Quartiersentwicklung
ImZusammenhangmit Partizipationwerden
unterschiedliche Begriffe wie Beteiligung,
Aktivierung, Empowerment häufig synonym
verwendet. Die Praxis in den Stadtteilen
zeigt aber, dass es sinnvoll ist, zwischen Akti-
vierung und Beteiligung zu unterscheiden,
auch wenn Aktivierung immer beteiligend
wirkt und alle Beteiligungsformen zugleich
aktivierenden Charakter haben.
Die Aktivierung unterschiedlicher Bevölke-
rungsgruppen ist seit den 1970er Jahren
ein „traditionelles“ Anliegen von Gemein-
wesenarbeit (GWA) und heute Kernelement
der integrierten Quartiersentwicklung:
„Stadtteilbezogene Arbeit in der Tradition
von GWA bezeichnet einen projekt- und
themenunspezifischen Prozess einer (in der
Regel) mehrjährigen Aktivierung der Wohn-
bevölkerung, der zwar einzelne Leucht-
turmprojekte nicht ausschließt, sich jedoch
vornehmlich über eine Vielzahl von Aktivie-
rungsaktionen darauf richtet, anhand direkt
geäußerter und durchaus häufig wech-
selnder Interessen der Wohnbevölkerung
gleichsam eine ‚Grundmobilisierung‘ eines
Wohnquartiers zu bewirken, die dann den
Humus für größere Einzelprojekte darstellt“
(Hinte 2005: 544). Unter Aktivierung lassen
sich alle „Techniken“ verstehen, mit denen
einzelne Personen oder Personengruppen
im Quartier angesprochen und in Kommu-
nikation (miteinander) gebracht werden
können. In erster Linie handelt es sich um
projektunspezifische Vorgehensweisen.
Hierzu zählen beispielsweise aktivierende
Befragungen, Gebiets- und Gebäudebege-
hungen mit Quartiersbewohnerinnen und
-bewohnern sowie anderer lokaler Akteure,
Informationsangebote und -veranstal-
tungen sowie die quartierbezogene Öffent-
lichkeitsarbeit.
Beteiligung setzt dagegen auf einer eher for-
malen Ebene an und basiert auf mehr oder
weniger methodisch geplanten Verfahren
(konkretes Programm, bestimmter Ort, fest-
gelegter Zeitrahmen, vorgegebener Ablauf,
Moderation) sowie vergleichsweise konkreten
Zielvorstellungen (zumBeispiel Vorstellungen
von Planungen, Diskussion bestimmter
Themen, Entwicklung von Projekten, Vertre-
tung von Gruppeninteressen). Beispiele für
solche Beteiligungsformen sind Stadtteilkon-
ferenzen, Stadtteil- oder Bürgerforen, runde
Tische, Zukunfts-/Planungswerkstätten,
Bürgergutachten, Planungszellen und betei-
ligungsorientierte Projekte.
Wohnen und Wohnumfeld – zentrale
Handlungsfelder für Partizipation
Die Handlungsfelder Wohnen und Wohn-
umfeld spielen für die Partizipation in der
Quartiersentwicklung eine zentrale Rolle.
Zukunftskonferenz in Nürnberg-Galgenhof/
Steinbühl
Quelle: Wolf-Christian Strauss/XPLAN, Berlin
Auftaktveranstaltung zum Programm Soziale
Stadt in Nürnberg-Galgenhof/Steinbühl
Quelle: Wolf-Christian Strauss/XPLAN, Berlin
Literatur
BMVBS – Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung/Bundesinstitut
für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) (2009): Modellvorhaben der Sozialen
Stadt. Gute Beispiele für sozial-integrative Projekte, Berlin (Bearbeitung: Bundestrans-
ferstelle Soziale Stadt beim Deutschen Institut für Urbanistik).
Böhme, Christa, und Thomas Franke (2011): Partizipation in der Stadtteilentwicklung:
Der Stadtteil als „Experimentierraum“ für Aktivierung und Beteiligung. In: Klaus J. Beck-
mann (Hrsg.): Bürgerbeteiligung in Kommunen. Anmerkungen aus der Stadtforschung
zu einer aktuellen Herausforderung. Difu-Sonderveröffentlichung. Berlin: 23-26.
Hinte, Wolfgang (2005): Von der Gemeinwesenarbeit über die Stadtteilarbeit zum
Quartiersmanagement. In: Werner Thole (Hrsg.; 2005): Grundriss Soziale Arbeit. Ein
einführendes Handbuch. Wiesbaden: 535-547.
Reimann, Bettina, und Angela Uttke (2010): Ich will bauen. Gib mir Steine. Über die
Beteiligung von Jugendlichen und jugendlichen Migrant/-innen an Stadtentwicklung.
In: Demo 6. Berlin: 36.
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
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Städtebau
Bürgerbeteiligung