Seite 20 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

Basic HTML-Version

Pflegereform
Kassen in die Pflicht nehmen
Die Entscheidung fiel trotz gegenteiliger Beteuerungen im geltenden Koalitionsvertrag und massiver Widerstände aus der
Wohnungs- und Sozialwirtschaft: Das KfW-Förderprogramm „Altersgerecht Umbauen“ wird seit Jahresfrist nicht mehr aus
dem Bundeshaushalt 2012 unterstützt und läuft seither als Eigenprogramm der KfW mit einem höheren Zins und ohne
Zuschussvariante für private Eigentümer und Mieter weiter.
Erst wenige Monate zuvor hatte eine Studie
des Bundesbauministeriums noch für eine
Fortführung des KfW-Programms geworben
und einen Bedarf bis zum Jahr 2020 von
etwa drei Millionen altersgerechten Woh-
nungen prognostiziert – etwa 550.000
Wohnungen gibt es in Deutschland heute.
Allein bei den Mitgliedsverbänden des
GdW Bundesverband deutscher Wohnungs-
und Immobilienunternehmen e. V. sind es
rund 300.000 Wohnungen. Höchste Zeit,
so befand GdW-Präsident Axel Gedaschko
bei einem Treffen Ende Januar 2012 mit
Vertretern von Politik, Wohnungswirtschaft,
Gesundheitswirtschaft und Telekommuni-
kation zum Thema „vernetztes Wohnen“,
dass der Bund spätestens ab 2013 wieder
in diese Förderung einsteigen müsse.
Gleichzeitig verwies er auf einen posi-
tiven Aspekt. „Die KfW nimmt ab dem 1.
April 2012 den Einbau technischer Assis-
tenzsysteme in das Programm auf“, lobte
Gedaschko. Tatsächlich präsentiert sich
das KfW-Programm in diesem Jahr nicht
nur mit einer übersichtlicheren Darstellung
der förderfähigen Maßnahmen in sieben
statt 17 Förderbereichen. Auch werden die
Verwendungszwecke zum Beispiel durch
Aufnahme von „altersgerechten Assis-
tenzsystemen für ein selbstbestimmtes
und unabhängiges Leben“ – neudeutsch
Ambient Assisted Living (AAL) genannt
– und der Anbau von barrierearmen Bal-
konen, Loggien, Terrassen als förderfähige
Maßnahmen ergänzt (siehe hierzu unseren
Beitrag auf S. 30 dieser DW).
Pflegekassen in die Pflicht nehmen
Das Treffen zeigte, dass immer mehr Woh-
nungsunternehmen auf die Strategie des
vernetzten Wohnens setzen. Diese bein-
haltet einen bezahlbaren Mix aus techni-
schen Assistenzsystemen und persönlichen
Dienstleistungen. Erst zusammen mit bau-
lichen Maßnahmen entsteht dadurch die
Chance, Menschen möglichst lange in ihren
Wohnungen zu halten. Dabei wurde deut-
lich, dass die Wohnungswirtschaft künftig
auch die Pflegekassen mehr in die Pflicht
nehmen will.
Entsprechend mischt sich der GdW in die
laufenden Beratungen zum Entwurf eines
Gesetzes zur Neuausrichtung der Pfle-
geversicherung ein. Hier sollen in einem
ersten Schritt zum 1. Januar 2013 Verbes-
serungen für demenzerkrankte Menschen
und ihre Angehörigen erfolgen. Für sie will
die Bundesregierung 650 Millionen Euro
bereitstellen. Dies geschieht im Vorgriff
auf eine frühestens 2013 geplante große
Pflegereform, mit der ein neuer Pflegebe-
dürftigkeitsbegriff eingeführt wird. Danach
soll sich der Grad der Pflegebedürftigkeit
künftig nicht mehr an der Häufigkeit der
Hilfeleistung und der Art der Maßnahme
orientieren, sondern sich nach dem Verlust
von Selbstständigkeit bei der Durchfüh-
rung von Alltagsaktivitäten bemessen. „Mit
diesem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff
könnten die ambulante Versorgung und die
Wohnung als Gesundheitsstandort gestärkt
werden. Dies ist dringend notwendig, denn
Staat und insbesondere die Pflegekassen
würden massiv überfordert, wenn die Men-
schen nicht die Möglichkeit haben, ihrem
eigenen Willen nach möglichst lange zu
Hause zu leben. Die Alternative – die teure
Heimunterbringung für breite Schichten
der Bevölkerung – kann sich unsere Gesell-
schaft schlichtweg nicht leisten“, urteilte
der GdW-Präsident und traf damit bei
allen Gesprächspartnern auf weitgehende
Zustimmung.
Positive Ansätze
Immerhin enthält der Ende Januar vorge-
legte Referentenentwurf aus wohnungs-
wir tschaf tlicher Sicht einige positive
Ansätze: So sollen der Eigenanteil von
zehn Prozent für den individuellen
Zuschuss bei Maßnahmen zur Verbesse-
rung des individuellen Wohnumfeldes
von 2.557 Euro je Maßnahme gestrichen
und neue Wohn- sowie Betreuungsformen
der ambulanten Pflege zusätzlich geför-
dert werden. Die Vorstellungen des GdW
gehen noch weiter: So sollen im Rahmen
der endgültigen Pflegereform neben
mobilitätsfördernden Umbauten beim
Gebäude- und Wohnungszugang, Barriere-
reduzierungen innerhalb der Wohnungen
sowie Einbauten technischer Assistenzsys-
teme in der Wohnung auch telemedizini-
sche Anwendungen bei Prävention und
Nachsorge über die Kassen förderfähig
gemacht werden. Eines der wesentlichen
Ziele ist es, eine gesellschaftliche Win-
win-Situation zu erreichen, wenn bei Men-
schen, die sich noch in der Pflegestufe Null
befinden, eine Höherstufung vermieden
oder zumindest verzögert wird.
Dr. Claus Wedemeier, Wohnen für ein langes Leben
GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und
Immobilienunternehmen e. V.
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2011: Im Blickpunkt: Ältere
Menschen in Deutschland und der EU.
Wohnen für ein langes Leben
Weitere Informationen zum Thema sind
unter
de abrufbar. Hier gibt es auch eine
erweiterte Wohnungssuche mit derzeit
über 500 Angeboten für seniorenge-
rechtes und betreutes Wohnen.
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
18
Wohnungspolitik
Wohnen für ein langes Leben