Seite 60 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Europa-Kolumne: Europäische Netzwerke
Erfahrungs­austausch und Zugriff
auf EU-Gelder
Die europäischen Netzwerke in der Wohnungswirtschaft sind im Anmarsch. Was bringen diese Netzwerke den Mitgliedern
und was ist das Geheimnis, damit sie gut funktionieren?
Bis jetzt war die Wohnungswirtschaft eine
überwiegend lokale Angelegenheit, aber
auch hier wächst Europa zusammen. Woh-
nungsunternehmen in vielen europäischen
Ländern kämpfen mit den gleichen Prob-
lemen und Herausforderungen, wie zum
Beispiel der Finanzierung von Neubauten,
energieeffizientem Bauen und dem demo-
grafischen Wandel. Anstatt für jedes neue
Problem selbst eine Lösung zu suchen,
schaut man lieber, wie andere Wohnungs-
unternehmen mit diesen Themen umgehen.
Und dabei blickt man auch gerne mal über
die Grenzen hinaus. Corné Koppelaar, Leiter
der Global Habitat – eine der größeren
Netzwerkorganisationen in Sachen Wohnen
– meint aus Erfahrung, dass man im inter-
nationalen Austausch offener miteinander
spricht als mit den eigenen Landsleuten.
Das könnte eine Erklärung für die Popula-
rität der Netzwerke sein.
Bessere Resultate
durch Zusammenarbeit
Was Größe und Ziele anbelangt, sind die
aktiven Netzwerke sehr unterschiedlich.
Global Habitat und Eurhonet gehören zu
den Größeren, mit Mitgliedern aus verschie-
denen Ländern. Die European Foundation
for Living (EFL) ist eine deutsch-niederländi-
sche Zusammenarbeit, die in Zukunft aber
auch intensiv mit Eurhonet zusammenar-
beiten wird. Es gibt auch kleinere Netzwerke,
wie zum Beispiel der „Europäische Tisch“,
der – anders als der Name vermuten lässt
– eine Zusammenarbeit von Wohnungsge-
sellschaften in der deutsch-niederländischen
Grenzregion ist und das schon seit 20 Jahren.
Viele solcher Netzwerke entstehen aus einer
Begeisterung heraus. Man trifft sich ein paar
Mal, hat gute Ideen, aber dabei bleibt es.
Nur aufrichtiges Engagement macht die
Zusammenarbeit erfolgreich, erklärt Gerrit
Teunis, Mitglied des „Europäischen Tisches“,
und fügt hinzu: „Es hilft auch sehr, wenn man
einen persönlichen Draht zu den anderen
Mitgliedern hat. Außerdem muss man das
Gleichgewicht zwischen ‚holen’ und ‚bringen’
im Auge behalten. Wenn es immer die Glei-
chen sind, die Erfahrungen ins Netzwerk ein-
bringen, aber sie nichts aus dem Netzwerk
herausholen, dann hat es auf Dauer keinen
Zukunftswert.“ Der Grundgedanke der Netz-
werke ist jedoch immer die Überzeugung,
dass man durch den Austausch im Endeffekt
für sein eigenes Unternehmen bessere Resul-
tate erzielen kann. Pelle Björklund, Vorstand
einer Wohnungsbaugesellschaft in Stock-
holm und Mitglied der Gobal Habitat, meint:
„In einem Umfeld, das immer mehr europä-
isch geprägt wird, ist es wichtig, zu wissen,
wie Kollegen in anderen Ländern mit den
Herausforderungen der Wohnungswirtschaft
umgehen. Wir sind
sehr daran inter-
essiert, Lösungen,
die sich in anderen
Ländern bewährt
haben, zu untersu-
chen, anstatt immer
selbst das Rad neu
zu erfinden.“
To n y
C o t t e r ,
Vor stand einer
Wo h n u n g s b a u -
gesel l schaf t in
London, ist schon
seit Jahren inner-
halb des gleichen
Netzwerkes aktiv: „Aus unserer Sicht wäre
der Austausch von ‚Best Practices‘ für jedes
Unternehmen empfehlenswert. Es gibt
keine schnellere Vorgehensweise, messbare
und nachhaltige Produktivitätsverbesse-
rungen durchzuführen.“ Viele Netzwerke
gehen jedoch weiter und dienen nicht „nur“
zum Erfahrungsaustausch. Man findet auch
neue Partner bei der Realisierung von Pro-
jekten. So wurden zum Beispiel mit Hilfe
deutschen Wissens denkmalgeschützte
Wohnungen in den Niederlanden nach-
haltig renoviert und durch Geld aus Frank-
reich konnte ein Projekt in Großbritannien
realisiert werden. Die europäischen Netz-
werke bieten zudem Zugriff auf die Geld-
töpfe der EU. Die Voraussetzung für einen
Anspruch auf diese Fördergelder ist immer,
dass es sich um ein Projekt handeln muss,
in dem mehrere Länder kooperieren. Einige
Netzwerke waren hier schon erfolgreich und
haben mit EU-Geldern Projekte finanziert,
die vielleicht sonst nicht hätten realisiert
werden können.
Die Sprachhürde
Was das ideale Netzwerk ist, lässt sich schwer
sagen. Manche mögen es eher klein mit per-
sönlichem und intensivem Kontakt zu den
anderen Partnern. Andere mögen es eher
groß, damit man unterschiedlichere Erfah-
rungen austauschen kann. Die Sprache ist
jedoch in vielen Netzwerken ein Problem.
Oftmals tauscht man sich in Englisch aus,
was jedoch nicht von allen Europäern gleich
gut beherrscht wird, schon gar nicht, wenn es
um Fachausdrücke geht. Sobald man jedoch
Dolmetscher engagieren muss, wird die
Dynamik des Gesprächs eine ganz andere
und der gegenseitige Austausch weniger
effektiv. Hier hilft nur ein Englisch-Auffri-
schungskurs für die Wohnungswirtschaft.
Letty Reimerink
letty@reimerink.com, www.reimerink.com
Letty Reimerink ist Publizistin und selbstständige
Beraterin für Strategie, Organisation und Kommu-
nikation im Wohnungswesen. Sie lebt in Amsterdam
und Berlin.
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
Management
58
Grenzenloses Europa