Seite 24 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n)
Studie über Klimaschutz und Energieeffizienz
im Kontext von Bau- und Wohnungswirtschaft
Auch wenn die Kosten nur teilweise auf die Kaltmiete umgelegt werden, sind einkommensschwache Haushalte oftmals
nicht in der Lage, eine Sanierung mitzutragen. Das betont die Studie „Die soziale Dimension des Klimaschutzes und
der Energieeffizienz im Kontext von Bau- und Wohnungswirtschaft“, die im Auftrag des GdW Bundesverband deutscher
Wohnungs- und Immobilienunternehmen vom Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n)
erstellt wurde. Aus Sicht der Forscher ist das gegenwärtige Zusammenspiel der Rahmenbedingungen sachlich nicht
zufriedenstellend und politisch nicht zielführend.
Die Studie analysiert Ansätze und Mög-
lichkeiten zur Adressierung der weltweiten
Energie- und Klimasituation im Kontext der
europäischen Politik, und zwar mit beson-
derem Blick auf die Lage sozial schwacher
Bevölkerungsteile im Wohnungsbereich.
Sie weist auf die grundsätzlichen Defizite
der heutigen Klimapolitik mit Blick auf die
weltweiten Nöte und Erfordernisse hin und
analysiert die aus diesem verengten Poli-
tikansatz resultierenden Versuche, über
energetische Veränderungen im Bereich der
Gebäude wesentlich zu einem verringerten
Energieverbrauch und zu weniger CO
2
-Emis-
sionen beizutragen. Die forcierte Verfolgung
von Ansätzen im Bereich der energetischen
Sanierung von Gebäuden führt zu Situ-
ationen, in denen sich die Prozesse nicht
angemessen finanzieren lassen. Betrachtet
wird dazu das Dreieck Eigentümer, Mieter
und Staat.
Insgesamt ergibt sich eine schwierige
Gemengelage, in der in vielen Fällen die
Rechnung nicht aufgeht. Besondere Prob-
leme treten zum Beispiel bei sozial schwa-
chen Mietern, bis hin zu Hartz-IV- und
Wohngeldempfängern in einer Gesamtkons-
tellation auf, in der die Gemeinden ohnehin
versuchen, angesichts ihrer eigenen schwie-
rigen Haushaltslage die Belastungen im
Bereich Wohngeldempfänger zu reduzieren.
Aus Sicht des FAW/n ist das gegenwärtige
Zusammenspiel der Rahmenbedingungen
sachlich nicht zufriedenstellend und poli-
tisch keine zielführende Lösung. Sie fördert
eher Prekarisierung und Brasilianisierung
in der entwickelten Welt. Es wird deshalb
Zurückhaltung in der weiteren Verschär-
fung des bisher eingeschlagenen Weges
in diesem Sektor empfohlen. Die Umset-
zung des heute schon Beschlossenen ist
anspruchsvoll und in vielem nicht unprob-
lematisch.
Warum ist die Gesamtproblematik so
schwierig? Es geht im Wesentlichen um
einen Konflikt zwischen globalen Erforder-
nissen und nationalen beziehungsweise
individuellen/lokalen Handlungsmöglich-
keiten. Die zunehmend drängenden Klima-
probleme führen in Verbindung mit den
Schwierigkeiten, international abgestimmte
Strategien in diesem Bereich zu entwickeln,
zu nationalen Maßnahmen in Teilen der
entwickelten Welt, die lokale Versuche
darstellen, ein Problem zu adressieren,
das seinem Charakter nach global ist. Die
Situation ist dabei durch zum Teil in sich
widersprüchliche Konstellationen geprägt,
wenn zum Beispiel in Europa mit großem
Aufwand Bemühungen unternommen
werden, die alleine durch Zuwachsdyna-
miken in den USA und China völlig kon-
terkariert werden. Die Situation stellt sich
dann als noch problematischer dar, wenn
trotz einer solchen Entwicklung ein Land wie
China völlig einleuchtend argumentieren
kann, dass es in einer Pro-Kopf-Betrachtung
im Klimabereich weniger Probleme erzeugt
als zum Beispiel die Europäer, trotz europä-
ischer Bemühungen für mehr Klimaschutz.
Hinzu kommt, dass China heute für uns
produziert. Unsere ohnehin begrenzten
CO
2
-Einsparungen sind zum Teil nur Folge
der Auslagerung bestimmter Produktionen,
der Zuwachs an CO
2
-Emissionen in China
ist nur die Gegenseite dazu.
Suboptimal und kontraproduktiv
Die verfolgten Ansätze, gerade auch in
Europa, sind zudem nicht nur auf einen Teil
der Welt beschränkt, sondern außerdem
sektoral angelegt, damit in den Allokati-
onswirkungen der eingesetzten (knappen)
Finanzmittel tendenziell suboptimal, in
manchen Aspekten sogar kontraproduktiv.
Man denke etwa an das Carbon-Leakage-
Problem. Dies betrifft zum Beispiel die
Ausweichmöglichkeiten für CO
2
-intensive
Produktionen, die EU-Klimazertifikate erfor-
dern, aus dem Bereich der EU hinaus. Das
Klima wird bei solchen Prozessen angesichts
weniger restriktiver Standards außerhalb
der EU insgesamt weltweit mehr belastet,
während wir in Europa unsere eigenen
Zahlen optisch aufbessern und obendrein
die betroffenen Unternehmen durch frei
werdende Zertifikate daran verdienen,
dass sie genau diese Prozesse induzieren.
Die sektorale Betrachtung führt insbeson-
dere zu einem sehr großen Druck auf den
Gebäudesektor. Der Gebäudebereich ist in
der entwickelten Welt für erhebliche Mate-
rialverbräuche, Energieverbräuche und
CO
2
-Emissionen ursächlich. Mit modernen
Technologien lassen sich im Neubaubereich
in Richtung Green Building und Niedrigener-
giehäuser große Effekte erzielen. Allerdings
ist die Situation des Gebäudesektors insge-
samt weitgehend durch den Bestand domi-
niert. Deshalb ist energetische Sanierung
im Bestand heute ein großes Thema. Aller-
dings sind große Hebeleffekte dort nicht in
ähnlicher Weise möglich wie beim Neubau.
Es besteht allerdings die Hoffnung, dass
sich durch Einsparung von Energiekosten
energetische Sanierungen finanzieren
lassen. Positive Effekte energetischer Sanie-
rung wären dann unter anderem
1.
reduzierter Energieverbrauch und damit
geringere Kosten,
2.
für Deutschland Beiträge zum Klima-
schutz und die Absenkung der Abhän-
gigkeit von Energieimporten, die in der
Zukunft einmal ein kritisches Thema dar-
stellen können sowie positive Arbeitsplatz-
und Steuereffekte und
3.
die verringerten CO
2
-Emissionen.
Allerdings verschärfen sich die Diskussionen
zwischen den beteiligten Parteien, also
1.
den Eigentümern, die die entsprechenden
Finanzierungen aufzubringen haben und im
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Wohnungspolitik
KLIMA UND ENERGIE