Das Thema Nachbarschaft ist gesellschaft-
lich und wohnungswirtschaftlich sehr
bedeutsam. Es beschäftig mich seit vielen
Jahren in meiner beruflichen Praxis – als
Landrat war das ein Kernthema und als
Stadtentwicklungssenator erst recht. Als
Vertreter der Wohnungswirtschaft gehört
man sowieso zu den Protagonisten in die-
sem Bereich.
Wenn wir über Nachbarschaften und ins-
besondere „überforderte Nachbarschaften“
reden, müssen wir auch über soziale Entwurzelung und Integration spre-
chen. Die Gesellschaft hat es sich in der Vergangenheit leider sehr leicht
gemacht und nicht über funktionierende und fehlschlagende Integration
reflektiert. Sie hat auch die Augen gegenüber den Menschen geschlossen,
die nicht mit unseren Strukturen, Bildungswegen und Lebensweisen ver-
traut sind. Zwar wird gerne darauf hingewiesen, wie viele sich gut integriert
hätten. Menschen, die nicht aus Europa stammen, sondern von anderen
Kontinenten und Kulturkreisen, haben teilweise erhebliche Probleme. Wir
lassen sie damit ein Stück weit alleine – und bereiten uns als Gesellschaft
damit ein großes Problem.
Der absehbare Mangel an qualifizierten Arbeitskräften gibt uns aber die
Chance, über Integrationsnotwendigkeiten erneut nachzudenken. Entschei-
dend ist: Wir müssen Menschen integrieren. Fehlende Integration führt zu
einer schwierigen sozialen Situation dieser Menschen, insbesondere der
zweiten Generation, der Kinder. Aus einem falsch verstandenen Libera-
lismus heraus haben wir versäumt, bestimmte Diskussionen zu führen.
Warum müssen Kinder im Vorschulalter nicht überall einen Sprachtest
absolvieren? Sprache ist eine Barriere, die über Erfolg und Misserfolg von
Integration entscheidet. Integration ist aber nicht nur eine Frage von Her-
kunft, sondern auch von sozialer Lage. In den neuen Bundesländern ist
die soziale Entwurzelung das zentrale Thema und nicht die Migration, wie
in den alten Bundesländern. Es geht deshalb beim Thema Nachbarschaft
auch um „Teilhabe am Leben“ und um die Rolle der Wohnungswirtschaft.
In den Quartieren können wir effektiv steuern und gegensteuern.
Hier liegt der Schlüssel im Bereich der Bildung. Elementar sind die vorschu-
lische Erziehung sowie die schulische Bildung. Problematisch aber ist, dass
es keine verpflichtenden Maßstäbe für eine sprachliche Grundkompetenz
gibt. Zu häufig ist es Glücksache, ob Eltern auf Bildungsinstitutionen oder
Aufbewahrungsanstalten stoßen. 15 Prozent der Jugendlichen mit Mig-
rationshintergrund erlangen weder eine abgeschlossene Schulausbildung
noch eine berufliche Ausbildung. Bei Jungendlichen ohne Migrationshin-
tergrund ist diese Quote sehr viel besser. Eine Gesellschaft kann sich das
nicht leisten – nicht nur vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Der
„Pisa-Schock“ hat uns gezeigt, dass wir genauer und früher hingucken und
uns auf den Weg Richtung Ganztagsschule begeben müssen.
Versorgungsgrad und -qualität bei Kita- und Krippenplätzen sind von Kom-
mune zu Kommune leider sehr unterschiedlich. Auch die Länder müssen
sich fragen lassen, ob ihre Bildungspolitik den Anforderungen und Not-
wendigkeiten gerecht wird. Unser Bildungssystem ist eines der teuersten
der Erde, ohne dem Gemeinwesen eine entsprechende Qualität zu liefern
und für die Herausforderungen, vor denen wir stehen, richtig eingestellt
zu sein.
Die bevorstehenden Aufgaben bedeuten für die Wohnungswirtschaft eine
Chance. Die Expertise, wie mit überforderten Nachbarschaften umzugehen
ist, an welchen Stellschrauben gedreht und wie gut zusammengearbeitet
werden kann, haben die Wohnungsunternehmen zuhauf.
Axel Gedaschko, Senator a. D., Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V.
„Integration ist nicht nur eine Frage von Herkunft,
sondern auch von sozialer Lage und Teilhabe“
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Thema des Monats
12. Brandenburger-Hof -Gespräch
Die Wohnungswirtschaft
10/2011