Controller magazin
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ANALYSE DER
lAS-ABSCHLÜSSE
VON UNTERNEHMEN
AM NEUEN MARKT
von Prof. Dr Dr. Ann-Kristin
Achleitner/
lic.
oec. HSG Daniel
Wichels,
Oestrich-Winl<el
1 EINLEITUNG
Am 10. Mär z 1997 hat die Deutsche Bör–
se AG mit dem Neuen Marict ein neues
Handeissegment geschaffen, welches
jungen, wachstumsstarken Unterneh–
men
a t t r ak t i v e
F i nan z i e r ung s –
mögl ichkeiten bietet. Die für den Neuen
Markt typischen Unternehmen kommen
aus zukunf tsträcht igen Branchen mit
überdurchschni t t l i chen Umsat z - und
Gewinnperspektiven und werden charak–
terisiert durch ein hohes Maß an Wachs–
tumspotent ial .
Ein besonderes Merkma l des Neuen
Ma r k t e s ist seine s tarke I nves t o r –
orientierung, die sich in besonders an–
spruchsvol len Publ izitätsanforderungen
w i de r s p i ege l t .
T r an s pa r en z
u n d
I nformat i onsumfang bes t immen als
grundlegende Kriterien die Investitions–
entscheidung. Gerade bei den Unterneh–
men mit einem besonderen Risiko-Ren–
dite-Profil legen Investoren Wert auf eine
marktgerechte Bewertung der Ertrags–
und Risikosi tuat ion. Investoren bzw.
Analysten können diese Situation aber
nur bewerten, wenn sie die erforderli–
chen Informationen erhalten. Bleiben die–
se aus, fordert der Investor eine Risiko–
prämie in Form eines Kursabschlages oder
investiert im Zweifelsfall in andere Unter–
nehmen.
Während sich die Rechnungslegung der
kontinentaleuropäischen Länder primär
am
Vorsichtsprinzip
orientiert, folgt die–
jenige der angloamerikanischen Länder
der Grundphi losophie der
true and fair
View
bzw.
der fair presentation.
Das Ziel
des lahresabschlusses besteht dar in, den
unterschiedl ichen Rechnungslegungs–
adressaten, i nsbesondere den (poten–
tiel len) Investoren, eine den tatsächl i –
chen Verhäl tnissen entsprechende Dar–
stel lung der wi r tschaf t l i chen Lage z u
vermi t teln.
Dazu soll der Jahresabschluss
Auskunft über die Fähigkeit des Unter–
nehmen s
z u r
künftigen
Mittel-
generierung
geben. Bei den gesetzlich
verankerten deutschen Bi lanzierungs–
normen steht hingegen der Gläubiger–
schutzgedanke im Vordergrund.
Die ang l oame r i kan i s c hen Bi l anz i e –
r ungsme t hoden gel ten für viele Ana –
l y s t e n a l s a u s s a g e k r ä f t i g e r u n d
i nves torenf reund l i cher als die HGB-
Abschlüsse .
Wachstumsunternehmen,
die eine Kotierung am Neuen Markt an–
streben, müssen daher bereit sein, eine
solche am Vorsichtsprinzip orientierte,
konservative Bi lanzierungspraxis aufzu–
geben und nach lAS, US-GAAP oder HGB
mit
Überleitung zu bi lanzieren. Die Un–
ternehmen begegnen dem Kapitalmarkt
somit mit einer offensiven Berichterstat–
tung und gehen aktiv auf das Informa–
tionsbedürfnis der Investoren ein. Infor–
mat ion und Transparenz werden in die–
sem
Sinne als Chance zur Kommunika–
t ion verstanden.
Im
vorl iegenden Beitrag wi rd dargestellt,
inwiefern Jahresabschlüsse nach lASder
geforderten Informat ionsfunkt ion im
Rahmen der Analyse von Wachstums–
unternehmen tatsächlich entsprechen.
Dabei stehen in der hier vorgenomme–
nen Betrachtung aus zwei Gründen die
Unternehmen des Neuen Marktes im
Vordergrund. Zum einen sind sie als Ein–
z i ge
v e r p f l i ch t e t ,
na c h
ang l o –
ame r i kan i schen Rechnungs l egungs –
standards zu bi lanzieren. ' Darüber hin–
aus wei sen Wachs tumsunternehmen
aufgrund ihres speziellen Profils und der
frühen Lebenszyklusphase besondere
Geschäftsspezifika auf. Sie agieren in der
Regel in einem äußerst dynamischen
Umfeld. Stichtagsbezogene Daten aus der
Rechnungslegung müssen daher bei die–
sem Unternehmenstypus häufig bereits
kurz nach Veröffentlichung als obsolet
betrachtet werden. Daraus leiten sich
besondere An - und Herausforderungen
an die Aktienanalyse und die Rechnungs–
legung, welche die Wachstumsprozesse
und Veränderungen abbi lden muss, ab.
Dieser CM-Beitrag ist wie folgt struktu–
riert: Zunächst wi rd ein Überbl ick über
d i e in de r Pr ax i s a n g ewa n d t e n
Bewertungsverfahren im Rahmen der
Akt ienanalyse gegeben und anschl ie–
ßend aufgezeigt, welche Informationen
hierfür aus Sicht der externen Analyse
erforder l ich s ind. In einem nächsten
Sch r i t t w i r d de r
kon z ep t i one l l e
Rechnungslegungszweck der lAS erläu–
tert sowie die einzelnen Bestandteile des
lahresabschlusses nach lAS systematisch
durchgegangen, um Indikationen fürdie
Informat ionsbef r iedigung der Finanz–
analysten durch lAS-Abschlüsse abzu–
leiten.
2 ANFORDERUNGEN DER AKTIEN–
ANALYSE
2.1 Verfahren der Aktienanalyse in
der Praxis
In der Literatur und Praxis existiert eine
Vielzahl unterschiedlicher Model le zur
Bewertung von Akt ien. Dies liegt unter
anderem da r an , dass die e inze lnen
Bewertungsansätze Rückgriff auf unter–
schiedliche Referenzgrößen nehmen. Wie
eine jüngste empirische Untersuchung
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