Seite 26 - 1999-06

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Controller magazin
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CONTROLLING IN
UNTERNEHMENS
NETZWERKEN -
erste Erfahrungen
der Praxis
von Tiiomas
Hess
und Tim
Veil,
Göttingen
Dr. oec. Thomas Hess (links) leitet u. a. die Arbeitsgruppe
„Controlling und Unternehmensnetzwerke' des Instituts für
Wirtschaftsinfonnatik der Universität Göttingen. Dipl.-Klm. Tim Veil
(rechts) ist Mitarbeiter in dieser Arbeitsgruppe. Platz der Göttinger
Sieben 5.37073 Göttingen, Tel. 0551/39-4442. Fax 0551 /39-9738.
Email:
Seit Beginn der achtziger lahre erfreuen
sich zwischenbetriebliche Kooperationen
wachsender Beliebtheit. Nach den [oint
Ventures und den strategischen Allian–
zen ist mi t den Un t e r n e hme n s –
netzwerken ein weiterer, schillernder Ty–
pus dazugekommen . Unternehmens –
netzwerke zeichnen sich durch vier iVlerk-
male aus (vgl. Hess 1999):
• Aufnahme und Durchf i jhrung der
Zusammenarbei t erfolgt durch drei
oder mehr rechtlich und zumindest
vo r Kooperationsbeginn wirtschaft–
lich selbstständige Unternehmen.
• Die Kooperat ionspar tner st immen
ihre Funkt ionen ab, fassen sie aber
nicht in einem Gemeinschaftsunter–
nehmen zusammen.
• Die Kooperationen sind zeitlich un–
befristet angelegt.
• Berei tgestel l t we r den am Ma r k t
verwer tbare Produkte und Dienst–
leistungen.
Die Betriebswirtschaftslehre hat sich bis–
her auf die Erklärung der Entstehung von
Unternehmensnetzwerken, die organisa–
torische Ausgestaltung und die Unter-
s t i j t z ung d u r c h I n f o rma t i ons - u n d
Kommunikaktionstechnik konzentriert.
Fragen des Controlling in Unternehmens–
netzwerken wurden bisher kaum aufge–
griffen, obwohl z. B. aufgrund der Flexibi–
lität der Organisat ion und der hohen
Autonomie der Beteiligten gravierende
Unterschiede im Vergleich zu den eta–
blierten Konzepten zu erwarten sind.
Die Forschungsgruppe „Controlling und
Unternehmensnetzwerke" der Universität
Göttingen hat es sich zur Aufgabe ge–
macht, die skizzierte Lijcke zu reduzieren.
Im Frühjahr 1998 wurde die Forschungs–
gruppe eingerichtet. Eine der ersten Akti–
vitäten war, einen Einblick in den Stand
der Praxis zu erhalten. Zu diesem Zweck
wurden zwischen Apri l und Dezember
1998 fünf Fälle untersucht. Die wichtig–
sten Ergebnisse dieser Erhebung und
er–
ste Schlussfolgerungen sind nachfolgend
dokumentiert. Aus Platzgründen sind zwei
Fälle ausführlicher und drei weitere Fälle
nur
im Überblick dargestellt. Die komplet–
te Beschreibung der Fälle findet sich in
einemArbeitsbericht{vgl. Veil/Hess
1998).
Unternehmensnetzwerke
Eingangs haben wi r bereits darauf hinge–
wiesen, dass Unternehmensnetzwerke
als spezielle Form zwischenbetriebl icher
Kooperation zu verstehen sind. Dieses
Verständnis soll nachfolgend etwas kon–
kretisiert werden. Damit soll ein begriff–
lich stabiles Fundament für die nachfol–
genden Überlegungen gelegt werden (vgl.
Hess 1999; Sydow/Wi nand 1998).
Zwischenbetriebl iche Kooperationen las–
sen sich gegen zwei weitere Formen der
Kooperat ion abgrenzen. Innerbetr ieb–
lichen Kooperationen, wie man sie bspw.
in der Beratungsbranche antrifft, fehlt
die geforderte rechtliche Selbständigkeit
der Partner Überbetriebl iche Koopera–
tionen sind nicht auf das Bereitstellen
von am Markt verwertbaren Produkten
und Dienstleistungen ausgerichtet. Als
bekanntes Beispiel läßt sich eine Hand–
werkskammer nennen.
Innerhalb der Gruppe der zwi schen –
betrieblichen Kooperationen ist zwischen
Joint Ventures, strategischen Al l ianzen
und Unternehmensnetzwerken zu unter–
scheiden. Im Gegensatz zu den Unter–
nehmen s ne t zwe r ken be r uhen |oint
Ven t u r e s
au f e i ner
Funk t i ons –
z u s amme n l e g u n g
( in
e i nem
Gemeinschaftsunternehmen) und nicht
nur
einer Funkt ionsabst immung. Strate–
gische Al l ianzen haben definitionsgemäß
einen befristeten Charakter, anders als
Unternehmensnetzwerke. Bild 1 zeigt die
Einordnung im Überbl ick.
Im Hinbl ick auf Fragen des Control l ing
lassen sich vier Grundtypen von Unter–
nehmensne t zwe r ken un t e r sche i den :
Projektnetzwerke, strategische Netz–
werke, Ve r bundne t zwe r ke
und
v i r tuel –
le Un t e r nehmen .
Diese vier Grundtypen
sind hinsicht l ich der
Steuerungsform
entweder
po l y zen t r i sch
(gleichberech–
tigte Partner) oder
fokal
(von einem Part–
ner
bzw. einer kleinen Gruppe von Part–
nern dominiert) gestaltet. In bezug auf
die Stabilität der Zuordnung von Aufga–
ben zu Partnern werden instabile von
stabilen Unternehmensnetzwerken un–
terschieden. Projektnetzwerke (PN) sind
fokal und instabil, strategische Netzwer-
ke(SN) sind fokalund stabil. Verbundnetz–
werke (VN) sind polyzentr isch und stabil,
virtuel le Unternehmen (VU) sind poly–
zentrisch und instabil. Bild 2 zeigt die
vier Grundtypen.
Für jeden der vier Grundtypen lassen
sich typische Beispiele angeben.
Projekt–
net zwerke s ind in der Baubranche
eine
etablierte Form der Zusammenarbei t .
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