Wirtschaft und Weiterbildung 2/2022

wirtschaft + weiterbildung 02_2022 43 wird. Das ist auch eine Form der Selbsterhöhung nach dem Motto: Ich bin besser als die anderen. Und die Coronapandemie ist dann so etwas wie ein Booster dafür? Kastner: Auch hier hat man viel zu lange zugeschaut, wie die Leute Schwachsinn verbreitet haben. Die Medien haben das wohl auch gar nicht so ungern gesehen, weil es ja Schlagzeilen gebracht hat. Da standen Reporter dann mit fassungsloser Ungläubigkeit bei den Demonstrationen und berichteten in epischer Breite über jeden Blödsinn, der dort abgesondert wurde. Diese Schlagzeilengeilheit ist natürlich bis zu einem gewissen Grad verständlich, weil Medien halt nicht die Caritas sind und ihre Auflage oder ihre Klicks erhöhen möchten. Das hat aber dazu geführt, dass viele schon allein aufgrund der großen Aufmerksamkeit glauben, das sei alles nun salonfähig, und sich den so genannten Querdenkern angeschlossen haben. Vor allem ist der Eindruck entstanden, als ob es sich um einen großen Teil der Gesellschaft handelt und es eine Spaltung der Gesellschaft gibt. Das ist Blödsinn. Es gibt vielleicht einen einstelligen Prozentsatz der völlig Unbelehrbaren, die irgendwelchen abstrusen Theorien anhängen, und die bekommen in der Öffentlichkeit ziemlich viel Raum. Bei einer großen Anti-Corona- Demonstration in Wien wurde behauptet und wohl auch von etlichen geglaubt, es werde Impfstoff aus dem Polizeihubschrauber auf die Demonstranten gesprüht. Geht das nicht schon ins Psychopathologische? Kastner: Natürlich, weil es völlig realitätsfremd ist, und wenn eine Überzeugung keinerlei Übereinstimmung mehr mit der Realität aufweist, muss man sich schon fragen, inwieweit das nicht schon psychopathologisch ist. In der Psychopathologie gibt es die Unterscheidung zwischen dem Wahn und der überwertigen Idee, die sich im Wesentlichen durch eine Frage unterscheiden lassen: Kann sich der Betroffene noch vorstellen, dass auch eine andere als seine Sichtweise zutreffend ist. Wenn er das nicht kann, hat er den Schritt zum Wahnhaften überschritten. Der Wahn ist dadurch definiert, dass derjenige unkorrigierbar überzeugt und argumentativ nicht mehr erreichbar ist. Ein Wahnkranker ist daher nicht mehr verantwortlich, weil er nicht anders kann. Bei der überwertigen Idee weiß der Betroffene noch, dass es andere Erklärungen gibt, aber es schert ihn nicht, weil ihm seine Idee lieber, angenehmer oder wichtiger ist. Alle Fanatiker sind Anhänger einer überwertigen Idee. Diese Gruppe kann man durchaus mit ganz klaren Vorgaben und Ordnungsmitteln wie Bußgeldern und Unbequemlichkeiten einfangen. In einem Gesellschaftssystem, das auf gemeinsamem Konsens aufbaut, ist es einfach erforderlich, dass die Politik dann aktiv wird. Ihre Aufgabe ist es nun mal, in einer Pandemie den maximalen Schutz für die meisten zu gewährleisten. Das höchste Recht ist das Recht auf Leben und das ist nicht relativierbar. Befördern die sozialen Medien die Dummheit? Kastner: Heute kann doch jeder jeden Unsinn ins Netz stellen, ohne irgendeinen ernsthaften Beleg dafür zu liefern. Und jeder möchte sich damit wichtigmachen. Wichtigkeit ist was ganz Wichtiges. Das ist ein Hauptmotor, der diese ganzen Schwurbeleien so lebendig hält. Man will gar nicht mehr über Argumente oder Fakten diskutieren. Man will eigentlich nur noch recht haben, oft mit der Keule der moralischen Rechtschaffenheit im Gepäck. Da sollte man sich schon fragen: Wollen wir in so einer Ellbogengesellschaft leben? In der Präambel der Schweizer Verfassung steht „die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“. Das halte ich für einen schönen und wahren Satz. Warum haben Sie das Buch gerade jetzt veröffentlicht? Kastner: Das hat ganz banale Gründe, wobei sich der Zeitpunkt eher zufällig ergeben hat und mich die Intensität der Reaktion anfangs sehr überrascht hat. Schon nach meinem letzten Buch habe ich gegenüber meinem Verlag gesagt, wenn ich mein nächstes Buch schreibe, dann über Dummheit, weil mir die immer wieder begegnet und sich immer häufiger manifestiert. Allerdings hatte ich mir auch vorgenommen, kein Buch mehr zu schreiben, bevor ich nicht in Pension bin. Der Verlag hat mich dann gefragt, ob ich nicht jetzt das Buch über Dummheit schreiben will, es müsse auch nicht so umfangreich sein. Und als dann auch noch von privater Seite Druck kam, habe ich mich breitschlagen lassen und mich danach selbst verflucht, dass ich das getan habe, weil es neben allen anderen Aufgaben natürlich schon Druck macht, wenn man auch noch ein Buch abliefern soll. So gesehen war die Zusage natürlich auch dumm. Wie waren letztlich die Reaktionen auf Ihr Buch? Kastner: Das Buch war bereits nach einer Woche ausverkauft. Jetzt ist es in der siebten Auflage. Das war eine schwierige Situation für den Verlag, weil es kein Papier zum Nachdrucken gab. Die Reaktion war primär Interesse. Über die Hälfte der Mails, die ich bekommen habe, waren positiv. Viele haben geschrieben, dass es sie schon lange nervt, dass man vieles heute nicht mehr benennen darf und ihnen die völlig überzogene politische Korrektheit auf den Geist geht. Dann gab es auch die Reaktionen von Menschen, die das Buch wahrscheinlich nicht gelesen oder verstanden haben und mir alle möglichen abstrusen Vorwürfe gemacht haben, zum Beispiel, dass ich auf die Intelligenzgeminderten losgehe, dass man die Rechtmäßigkeit meines Doktortitels überprüfen sollte oder dass meine Intelligenz gerade einmal für 100 Seiten reicht. Richtig beschimpft wurde ich aber kaum. Das hat mich fast gewundert. Interview: Bärbel Schwertfeger „ Manche fordern, man müsse jede Meinung respektieren. Dann muss ich also jeden Rassisten, jeden Nationalsozialisten respektieren?“

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