training und coaching 42 wirtschaft + weiterbildung 02_2022 muss man schon von einem Anti-FlynnEffekt ausgehen, bei dem die Intelligenz wieder abnimmt. Wenn ich nichts weiß, muss ich natürlich viel glauben, weil ich kein eigenes Wissen und kein kritisches Hinterfragen dagegensetzen kann. Wenn die Menschen dann zudem noch in einer gefühlten Position der nicht mehr Wahrgenommenen, Zukurzgekommenen und Abgehängten sind, sind sie eben viel eher geneigt, solchen Unsinn zu glauben. Je emotionalisierter eine Position ist, desto mehr Blödsinn verträgt sie. Sie schreiben, dass das Geschäft mit den Emotionen Hochkonjunktur hat. Gilt das vor allem in Zeiten der Veränderung und Verunsicherung? Kastner: Sicher, Verschwörungsmythen sind umso attraktiver, je komplexer und bedrohlicher die Welt wird, weil sie ein scheinbar umfassendes Erklärungsbild liefern. Dabei gehört der angemessene Umgang mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten zum Reifungsprozess eines Menschen. Aber generell gibt es schon den Eindruck, dass man heute alles gern im klaren Schwarz-Weiß haben möchte. Aber so funktioniert die Welt nicht. Und was auch völlig unmodern geworden ist, ist das Akzeptieren des Gefühls des Ausgeliefertseins. Aber das ist nun mal ein Teil der Conditio Humana. In Ihrem Buch zitieren Sie auch den Begründer der Massenpsychologie und Mediziner Gustave Le Bon. Er warnte davor, dass man die Massen nicht mehr bremsen könne, wenn es erst einmal gelungen ist, sie zu emotionalisieren ... Kastner: Das ist die Gruppendynamik. In der Gruppe gewinnt der Anführer, der die meisten Emotionen hervorruft, der am mitreißendsten ist und nicht der, der das meiste Hirn anwendet. Mit Emotionen kann ich viel behaupten. Ich glaube aber schon, dass man in demokratischen Staaten Möglichkeiten hat, solche Entwicklungen zu unterbinden. Aber dazu muss man eben auch geeignete Maßnahmen einsetzen. Es ist geradezu selbstdestruktiv für Demokratien, keine Toleranzgrenzen zu ziehen. Demokratien eliminieren sich selbst, wenn sie in dieser völlig idiotischen Position bleiben, dass man alles verstehen und akzeptieren muss. Politik muss da die Grenzen ziehen, wo der demokratische Grundgedanke angegriffen wird. Wird die Zahl der Dummen häufig unterschätzt? Kastner: Immer und überall. Ein gutes Beispiel dafür sind die Demokraten in den USA. Die haben sich damals einfach nicht vorstellen können, dass so jemand wie Trump die Wahlen gewinnen kann. Damit haben sie einfach nicht gerechnet. Dabei hätte man das durchaus vorhersehen können. Dazu hätte ein Blick auf die Situation in den USA genügt, wo viele Landstriche veröden, die Menschen keinen Job haben oder drei Jobs, aber trotzdem nicht davon leben können. Wenn ich solche Verhältnisse entstehen lasse, muss ich mich nicht wundern, wenn die Abgehängten sich von irgendeinem Messias abholen lassen, egal wie unrealistisch seine Versprechungen sind. Das hat eben auch Religionscharakter, inklusive Erlösungsphantasien. Die eigentlich Dummen waren also eher die Demokraten, während Trump die Emotionen der Unzufriedenen geschickt für sich genutzt hat. Sehen Sie da auch Parallelen zu den Querdenkern und Coronagegnern? Kastner: Auch da muss man auf die Grundlagen schauen. Im Osten Deutschlands – aber nicht nur dort – vermischen sich Coronamaßnahmengegner mit extrem Rechten, und alle sind sie „gegen die Eliten“, „gegen den Staat“. Das Problem mit den Rechten ist etwas, auf das man viel zu lange viel zu wenig geachtet hat. Man hat zwar viel Geld in den Wiederaufbau der Städte und Kulturdenkmäler gesteckt, aber die boomende Wirtschaft ist kaum dort angekommen. Heute sind ganze Landstriche verödet, verarmt und leer. So ist eine Gruppe von Unzufriedenen und Abgehängten entstanden. Und dass auf diesem Nährboden extremistische Positionen wachsen und sich ausbreiten, ist ein Phänomen, das man historisch schon oft genug beobachten konnte. Im Westen sind unter den Corona- demonstranten viele Heilpraktiker und Anhänger der Anthroposophen, oft mit einem hohen Bildungsstand. Warum sind die so abgedriftet? Kastner: Weil man lieber ein eigenes Narrativ erfindet, statt seine geliebten Grundüberzeugungen aufzugeben. Dazu haben auch das Überhandnehmen und Erstarken der Heilpraktiker und der sogenannten „alternativen Medizin“ geführt. Es gibt nur die evidenzbasierte Medizin und alles andere ist halt Schwurbelei. Leider fehlte es auch schon vor Corona oft an einer klaren Abgrenzung zum Beispiel von der Homöopathie. Bis heute hat noch keiner belegt, dass die Homöopathie mehr nutzt als der Placeboeffekt bringen kann. Wenn ich das nicht deutlich klarstelle, brauche ich mich nicht zu wundern, dass viele auch bei Corona die Grundauffassung vertreten: Ich weiß es besser und misstraue allen, die irgendwie wissenschaftlich daherkommen. Wenn die Waschmaschine kaputt ist, holen wir einen Fachmann. Im Bereich der Medizin sind wir alle Experten, obwohl uns das persönlich extrem schaden kann. Warum ist das so? Kastner: Weil man glaubt, dass man bei seinem eigenen Körper kompetent ist. Es ist auch etwas sehr Kränkendes, wenn man sich einer Krankheit gegenüber hilflos fühlt. Es ist schwer, sich das einzugestehen. Deshalb sind die Schwurbler mit ihren angeblichen Selbstheilungskräften so erfolgreich, wenn sie etwa behaupten, dein Immunsystem ist stark genug, dass es auch mit dem lächerlichen Virus fertig R Buchtipp. Heidi Kastner: Dummheit, Kremayr und Scheriau Verlag, Wien 2021, 104 Seiten, 18 Euro.
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