R wirtschaft + weiterbildung 02_2022 41 emotionale Kompetenz. Dabei hat Goleman eine längst bekannte Beobachtung aufgegriffen. Nämlich, dass die messbare Intelligenz nicht unbedingt den Erfolg im Leben bestimmt und auch sehr intelligente Menschen immer wieder scheitern. Und zwar immer dann, wenn es um ihre Vernetzung mit anderen geht. Goleman hat dafür den Bestsellerbegriff der Emotionalen Intelligenz entwickelt. Aber er hat ihn hauptsächlich unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung definiert. Letztlich geht es nur um den messbaren wirtschaftlichen Erfolg. Wenn ich andere emotional wahrnehme, werde ich befördert, bekomme mehr Geld et cetera. Für mich ist das viel zu kurz gedacht. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der es nur darum geht, den meisten messbaren Erfolg im Sinne von kurzfristigen finanziellen Gewinnen zu erreichen? Für mich gehört dazu auch eine Bezogenheit, die keinen Zweck erfüllt und die keiner Optimierung dient, sondern die einfach nur als emotionale Verbundenheit erlebt wird, weil wir eben alle Lebewesen sind. Emotionale Intelligenz wird erst dann ein Thema, wenn man sich selbst als Teil eines Ganzen versteht. Das ist derzeit bei den Querdenkern aber eher nicht der Fall … Kastner: Da wird der Mangel sehr augenscheinlich. Die sind ganz bei sich, ihrem Körper und ihrer Freiheit. Sie schauen nur auf sich und ignorieren alles andere. Gerade bei den Diskussionen um Corona heißt es immer wieder, man müsse dialogbereit sein und sich die Meinungen der anderen möglichst wertfrei anhören und sie wertschätzen. Was ist daran falsch? Kastner: Das ist eine falsch verstandene Toleranz. Somerset Maugham hat einmal geschrieben: Alles verstehen und alles verzeihen, ist die Mentalität des Teufels. Vor kurzem habe ich die Mail eines Betriebsrats gelesen, der allen Ernstes geschrieben hat, man müsse jede Meinung respektieren. Dann muss ich also jeden Rassisten, jeden Nationalsozialisten respektieren. Denn der hat ja auch eine Meinung. Das ist doch völliger Humbug. Natürlich sollte ich mit einer offenen Haltung in eine Diskussion gehen und mir anhören, warum der andere seine Position vertritt. Vielleicht hat er auch Argumente, die ich nachvollziehen kann und bisher nicht berücksichtigt habe. Aber es gibt sehr wohl Positionen, die ausschließlich abzulehnen sind, weil sie schlicht und einfach Blödsinn sind. Wenn mir jemand mit Inbrunst erklärt, die Erde sei eine Scheibe, brauche ich das nicht wertschätzen. Ich glaube, die Menschen verwechseln immer wieder eine eigene Meinung mit eigenen Fakten und dann erwarten sie, dass man ihre selbst erfundenen Fakten auch noch wertschätzt. Doch wenn ich Faktenfreiheit zulasse, lande ich letztendlich in der Anarchie oder im Recht des Stärkeren, der sich mit seinen Behauptungen eben besser durchsetzen kann und bin ich genau da, wo Donald Trump die Welt mit seinen Fake News hintreiben wollte, nämlich in der Beliebigkeit der faktischen Behauptung. Trump hat auch – schon vor Corona – das Verschwörungsnarrativ QAnon verbreitet, wonach die Eliten Kinder entführen und ihr Blut als Verjüngungskur trinken. Laut einer repräsentativen Umfrage outeten sich im Oktober 2020 zehn Prozent der Amerikaner und über 20 Prozent der Trump-Anhänger als Unterstützer dieses Unsinns. Wie kann das sein? Kastner: Wir suchen uns unsere Überzeugungen nach gefühlten Kriterien aus nicht nach faktischen Kriterien. Man würde auch nicht glauben, dass es zwischen Europa und Amerika einen Tunnel gibt, den man in einer Stunde durchqueren kann – wie es die Schwurbler behaupten. Aber die Menschen wissen oftmals erstaunlich wenig. Man hat schon den Eindruck, dass das verfügbare Wissen eher ab- statt zunimmt. In der Intelligenzforschung sprach man lange vom Flynn-Effekt, der zeigte, dass die gemessene Intelligenz zunahm. Inzwischen Heidi Kastner. Die Autorin ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Sie arbeitet auch als Gerichtsgutachterin für Strafrecht. Foto: Philipp Horak
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