Wirtschaft und Weiterbildung 2/2022

training und coaching 40 wirtschaft + weiterbildung 02_2022 Kastner: Wer dumm handelt, stellt seinen Emotionen keinen Widerstand entgegen und überlegt n i c h t , ob das klug ist, was er oder sie da machen will. Aber eigentlich sollte schon jeder in der Lage sein, sich nicht völlig von seinen Emotionen treiben zu lassen. Vielen fällt es aber schon schwer, ihre Emotionen überhaupt zu benennen … Kastner: Da gibt es mehrere Gründe. Einmal beobachte ich eine gewisse Sprachverarmung. Wenn man Menschen fragt, wie es ihnen geht, sagen sie „gut“ oder „schlecht“. Aber was heißt jetzt „schlecht“? Das kann viel sein: traurig, bedrückt, hoffnungslos, verzagt. Doch diese Differenzierung kriegen die meisten nicht hin. Dazu kommt, dass man sich Emotionen, die belastend sind oder sich gegen andere richten wie Wut und Aggression, häufig nicht mehr selbst zuschreibt, weil das eben nicht gewünscht ist. Aber das gilt nicht in den sozialen Medien. Dort sind doch Beleidigungen, Verleumdungen bis hin zu Hass weit verbreitet … Kastner: Ja, da geht es oft rund, aber nur in bestimmten Kontexten, wo man auf den identifizierten Feind losgeht. Das ist wie im Krieg. Ich darf den anderen nicht verletzen, aber den Feind sehr wohl. Da liegen meist sehr simple dichotome Narrative vor. Die Guten, zu denen man natürlich immer selbst zählt, und die Bösen, die man attackieren darf, allerdings nicht – und das ist das Sahnehäubchen auf diesen Blödheiten – ohne für sich im selben Atemzug Wertschätzung einzufordern. Für den besseren Umgang mit Emotionen hat der US-Psychologe Daniel Goleman das Konzept der Emotionalen Intelligenz erfunden. Sie sehen das eher kritisch. Warum? Kastner: Zunächst einmal geht es nicht um emotionale Intelligenz, sondern um Heidi Kastner, 59, ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 1997 ist sie Gerichtspsychiaterin und seit 2005 Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz. Kastner wagt sich an den derzeit sehr aufgeladenen Begriff der Dummheit. Ihre zentrale Frage lautet: Was treibt Menschen, die an sich klug denken könnten, dazu, sich und andere durch „dumme“ Entscheidungen ins Unglück zu stürzen? Wie ist die derzeit um sich greifende kollektive Bereitschaft zu Ignoranz zu erklären und warum nimmt dieses Phänomen scheinbar so eklatant zu? Sind Abwägen und Nachdenken altmodisch? Und was ist so attraktiv am Konzept des Leithammels, der uns das Denken abnimmt, oder des Influencers, der uns den einzig wahren Weg zeigt? Heidi Kastner hat unserer Autorin Bärbel Schwertfeger ein ausführliches Interview gegeben. Ihr Buch trägt zwar den Titel „Dummheit“. Wie definieren Sie Dummheit? Heidi Kastner: Dummheit ist nicht das Gegenteil von dem, was man unter Intelligenz versteht. Wenn wir sehen, dass jemand Blödsinn macht, sagen wir ja auch nicht, der ist unintelligent. Dumm ist eher das Gegenteil von klug. Sie schreiben, dass hinter der Dummheit oft Emotionen wie Gier, Neid und Angst stehen. Sind Gefühle der Treiber für dummes Verhalten? „ Dummheit wird immer und überall unterschätzt“ PSYCHOLOGIE. In ihrem Buch „Dummheit“ erklärt die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner, warum in unserer Gesellschaft gerade sehr viel Dummheit aufkommt und wie sie sich verbreitet. Kastner warnt nachdrücklich, dass es sehr gefährlich sein könne, die Dummheit zu unterschätzen. „ Die Anderen werden brutal attackiert, aber für sich selbst fordert man Wertschätzung."

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