personal- und organisationsentwicklung 24 wirtschaft + weiterbildung 02_2022 Die Tatsache, dass Persönlichkeitsfragebogen auf Selbsteinschätzungen basieren, ist bei der Interpretation solcher Daten unbedingt zu berücksichtigen. Wenn Erika Musterfrau in einem Fragebogen einen hohen Wert in Extraversion erzielt, ist es nicht angemessen zu sagen: „Frau Musterfrau ist extravertiert.“ Man kann lediglich formulieren: „Frau Musterfrau hat einen Selbstberichtsfragebogen so bearbeitet, dass sich ein hoher Schätzwert in Extraversion ergibt.“ Auch andere diagnostische Verfahren wie das Interview basieren auf Selbstberichten. Und natürlich können die interviewten Personen im Interview ebenfalls Techniken des „Impression Management“ nutzen. Im Interview können die Selbstberichte aber hinterfragt werden. Dies ist ein Grund dafür, warum Nachfragen auch in Eignungsinterviews – entgegen einer weit verbreiteten Position – sinnvoll sind. Außerdem können die Selbstberichte durch Fremdbeurteilungen (Beurteilungen der Interviewenden) ergänzt werden. Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich bereits, dass Persönlichkeitsfragebogen als alleinige Erkenntnismethode nicht überzeugen und die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind. Was bringt der Einsatz von Persönlichkeitsfragebogen? Uns sind keine überzeugenden empirischen Nachweise dafür bekannt, dass sich die eingangs aufgeführten Ziele des Fragebogeneinsatzes im Kontext von Trainings umsetzen lassen. Zwar ist es plausibel anzunehmen, dass eine Selbstkenntnis sich positiv auswirkt – ob und wie sich dies aber allein durch den Einsatz von Fragebogen im Rahmen eines Trainings fördern lässt, ist nicht ausreichend erforscht. Eine positive Wirkung ist vor allem dann zu erwarten, wenn die aus der Auswertung des Fragebogens getroffenen Schlussfolgerungen grundsätzlich zutreffend sind. Umgekehrt ist davon auszugehen, dass man mit einem Persönlichkeitsfragebogen, der zu unzutreffenden Aussagen führt, Schaden anrichtet. Die Frage der Gültigkeit (Validität) der aus Persönlichkeitsfragebogen abgeleiteten Aussagen im Berufskontext ist demgegenüber gut untersucht. Die Aussagekraft hängt diesen Studien zufolge von vielen Faktoren ab. Wesentlich ist beispielsweise, welche Persönlichkeitsmerkmale erfasst werden. Betrachtet man das sogenannte „Fünf-Faktoren-Modell“ (FFM) der Persönlichkeit, zeigt sich für die Dimension „Gewissenhaftigkeit“ beispielsweise eher ein Zusammenhang mit Berufserfolgskriterien als für die Dimension „Offenheit für Erfahrungen“. Vor allem hängt es aber davon ab, welches Verhalten man vorhersagen möchte und ob die Persönlichkeitsbeschreibung hinsichtlich der Konkretheit und Detailliertheit dem vorherzusagenden Verhalten entspricht. Unbestritten ist, dass – unabhängig von den erfassten Dimensionen – aus Persönlichkeitsfragebogen abgeleitete Aussagen im beruflichen Kontext eine deutlich geringere Aussagekraft haben als Erkenntnisse, die aus Leistungstests oder Interviews abgeleitet werden. Selbsteinschätzungen sollten durch Daten aus anderen Quellen, beispielsweise biografischen Daten oder Fremdeinschätzungen, ergänzt werden. Damit sind nicht die Beobachtungen und Beurteilungen gemeint, die Trainer und Trainerinnen sozusagen „nebenbei“ durchführen, sondern Daten aus systematischen Beobachtungsverfahren, die sich auch durch Zielgerichtetheit, Systematik und Kontrolle auszeichnen. Einfluss auf Persönlichkeitsentwicklung ist zu hinterfragen Dass sich die Persönlichkeit allein durch den Einsatz eines Fragebogens (inklusive Reflexion der Ergebnisse) in einem Training verändert, ist nicht anzunehmen. Grundsätzlich ist die Frage, ob, in welchem Ausmaß und aufgrund welcher Einflüsse die Persönlichkeit sich verändert Gegenstand eines dynamischen Forschungsfeldes. Ging man lange davon aus, dass die Persönlichkeit über die Zeit hinweg sehr stabil ist, wird in aktuellen Studien durchaus deren Veränderbarkeit betont. Die Datenlage zu diesen Fragen ist allerdings hoch komplex, da sie sich über viele potenzielle Einflussfaktoren und notwendigerweise über lange Zeiträume erstreckt. Entsprechend heterogen fällt die Interpretation der Daten aus. Gesichert ist, dass die Persönlichkeit einem relevanten genetischen Einfluss unterliegt. Veränderungen der Persönlichkeit ergeben sich – in geringem Maße – durch das Alter, durch Entwicklungsaufgaben (wie neue soziale Rollen) und Umwelteinflüsse. Besonders bedeutsam sind häufig wiederkehrende sowie extreme und traumatische Erfahrungen. Insgesamt handelt es sich bei der Persönlichkeit und ihrer Dynamik um eine komplexe Interaktion zwischen genetischen, Persönlichkeits- und Umweltfaktoren, wobei die Umwelt die Persönlichkeit beeinflusst und die Persönlichkeit darüber mitentscheidet, welche Umwelten aufgesucht werden. Trainer und Trainerinnen sowie Coachs, die Fragebogenergebnisse interpretieren und anderen Tipps zur Persönlichkeitsentwicklung geben wollen, müssen über ein umfassendes Wissen über die Ergebnisse aktueller einschlägiger empirischer Forschung verfügen. Subjektive Überzeugung allein reicht nicht aus Der dünnen Befundlage steht eine breite Akzeptanz derjenigen gegenüber, die den Einsatz von Persönlichkeitsfragebogen in Trainings befürworten. Dies erklärt sich unter anderem dadurch, dass die Befunde, die aus einem Persönlichkeitsfragebogen abgeleitet werden, zumeist Zustimmung von denjenigen finden, die den Fragebogen bearbeitet haben. Dies ist wenig verwunderlich, handelt es sich doch in der Regel bei dem Befund lediglich um eine Zusammenfassung dessen, was die Person vorab selbst von sich berichtet (angekreuzt) hat. Es ist das „Selbstbild“, hier sind keine (bösen) Überraschungen zu erwarten wie bei der Konfrontation mit dem Fremdbild oder den Ergebnissen aus einem Leistungstest. In vielen Fällen kommt außerdem der sogenannte „Forer-Effekt“ hinzu. Dieser wird durch Aussagen erzielt, die für alle Menschen zutreffen, die aber die Illusion einer individuellen Beschreibung erwecken. Derartige Aussagen nennt man „Barnum-Aussagen“, sie werden auch im Bereich der Astrologie und des Handlesens genutzt. Ein Beispiel für eine solche Aussage in einem Report, der aufgrund eines Persönlichkeitsfragebogens erstellt wurde, ist der Satz „Rückschläge und Erfolgserlebnisse gehören für Sie R
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