Wirtschaft und Weiterbildung 2/2022

titelthema 20 wirtschaft + weiterbildung 02_2022 beit finden. Es reicht, wenn wir einen Job wählen und behalten, der diese vier Voraussetzungen erfüllt.“ Einen sinnvollen Job kann zum Beispiel auch ein AmazonLagerarbeiter haben: 1. Es gibt einen Nutzen für andere. Der Lagerarbeiter sorgt dafür, dass viele Menschen rasch bekommen, was sie sich wünschen und was sie vielleicht dringend brauchen. 2. Der Job passt zu den eigenen Fähigkeiten, weil Amazon wohl keine unfähigen oder kranken Arbeiter einstellt. 3. Der Lagerarbeiter kann hinter den Werten der Firma stehen – zumindest, wenn er mit Arbeit unter Zeitdruck umgehen kann. Und vielleicht ist Amazon-Gründer Jeff Bezos ein echtes Vorbild für ihn. 4. Es ergibt sich beim Zusamenstellen der Pakete quasi automatisch eine Zugehörigkeit zu einem Team. Selbst ein Job bei Amazon kann also sinnvoll sein. Aber natürlich gibt es noch bessere Jobs – nämlich solche, die nicht nur sinnvoll, sondern sinnstiftend sind. Das sind Arbeitsplätze, bei denen die Menschen sich selbst verwirklichen können, weil sie die nötigen Spielräume zugestanden bekommen. Der Existenzialismus kann ein Wegweiser sein Aber selbst für eine Sinnstiftung ist laut Hamm ein Purpose nicht nötig. Man müsse für einen sinnstiftenden Job nicht die Welt retten. Wer sich in der Arbeit selbst verwirklichen kann, erfährt bereits Sinn. „Ich bin regelmäßig erstaunt, wie viele Manager, Gurus und Politiker vom Sinn der Arbeit sprechen, ohne den Existenzialisten Albert Camus gelesen zu haben. Dabei hat sich dieser weitaus mehr und gründlichere Gedanken zum Sinn des Lebens gemacht als jeder sogenannte „Intellektuelle des InternetZeitalters“, behauptet Hamm, der den Begriff „Selbstwirksamkeit“ in einem direkten Zusammenhang mit der Philosophie des Existenzialismus stellt: Die Welt an sich ist sinnfrei und der Sinn, den ein Mensch erfahren kann, steht in direktem Zusammenhang mit seinem Tun: „Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht.“ Der Sinn liegt im Tun. Sinn kann man nicht haben, man kann ihn nur geben und das auch nur dem eigenen Leben. In der griechischen Philosophie gibt es die Figur des Sisyphos, der von den Göttern dazu verurteilt wurde, einen Felsen einen Berg hochzurollen. Kaum ist der Felsbrocken oben, fällt er runter ins Tal und Sisyphos muss von vorne anfangen. „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen Menschen vorstellen“, schreibt Camus. „Sein Schicksal gehört ihm.“ Der antike Held kann der Tätigkeit, zu der er verdammt wurde, einen Sinn geben: Das eigene Joch wird bewusst, freiwillig und mit Stolz getragen. Das eigene Leben trotz allen Lasten zu bejahen, das bedeutet Selbstverwirklichung. Purpose-Unternehmen verlangen Begeisterung Während Ingo Hamm das Thema „Purpose Driven Organisation“ aus der Sicht der Mitarbeitenden beleuchtet, betrachten der Organisationssoziologe Stefan Kühl (Interview auf der gegenüberliegenden Seite) und der DBVC-Senior Coach Klaus Eidenschink (in einem Artikel auf LinkedIn am 11. Mai 2019) das Thema aus einem organisationalen Blickwinkel. Eidenschink kritisiert am Purpose-Ansatz, dass er Unternehmen die Möglichkeit bietet, ihre Mitarbeitenden subtil auszubeuten. Unternehmen behaupten, in irgendeiner Form die Welt zu verbessern und geben den Mitarbeitenden das motivationssteigernde Gefühl, sie seien Teil eines sinnvollen Projekts. Dabei geht es unter anderem um recht naive Dinge wie zum Beispiel: • die Identifikation mit einer durch und durch guten Sache • die Idee, dass wirklich alle Beteiligten etwas zu einem Ganzen beitragen können • die Vorstellung, dass Konflikte sich bei genügend Einsatz immer in einem Konsens auflösen • die Annahme, dass man Ziele verfolgen könne, ohne jemanden zu benachteiligen, • das Konzept, dass es eine einzige Wahrheit gibt und es möglich ist, diese eine Wahrheit so zu gestalten, dass die Vielzahl der Stakeholder- und Shareholderinteressen unter den Hut dieser Wahrheit zu bringen sind. Eidenschink weist unter anderem darauf hin, dass es in strenggläubigen PurposeUnternehmen oft nicht mehr ausreiche, einfach seine Arbeit abzuliefern, man müsse auch noch Begeisterung zeigen. „Die Gemeinschaft der Gläubigen bildet dann auch meist entsprechende Rituale, Erkennungsmerkmale und Begriffe aus. Wie bei jedem sich auf diese Art bildenden sozialen System, werden zum Beispiel Feindbilder und ein Missionszwang zu prägenden Merkmalen.“ Was aber am schlimmsten sei, sei die Tatsache, dass die Überidentifikation mit dem Purpose zu einem Verlust von Alternativen in einer Organisation führe. Da die Andersgläubigen das Unternehmen verlassen, fehlen letztlich die kritischen Geister, die vor Fehlentwicklungen warnen könnten. Martin Pichler R Foto: matiasdelcarmine / AdobeStock Sisyphos. Sinn entsteht für Existenzialisten durch Tun: Das „eigene Joch“ wird bewusst angenommen.

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