Wirtschaft und Weiterbildung 2/2022

wirtschaft + weiterbildung 02_2022 19 besseren Ort machen, sondern auch Dank langfristiger Motivation zu einer Leistungssteigerung der Belegschaft führen soll. Und aktuell entsteht zusätzlich auch noch der Verdacht, dass sich Unternehmen mit Purpose einen Vorsprung erhoffen, die besten Hochschulabsolventen oder sonstige Jobsuchende für sich begeistern zu können. Das zumindest geht aus einer Studie aus dem Jahr 2021 hervor, die die Personalberatung Kienbaum in Köln durchgeführt hat. Die Auswertung von 1.300 Antworten ergab unter anderem, dass 33 Prozent der Angestellten in purposegetriebenen Organisationen ein durchschnittlich um 33 Prozent höheres Engagement an den Tag legen. Außerdem haben es PurposeUnternehmen laut Kienbaum sehr viel leichter, junge Talente zu gewinnen und auch zu halten. Auf das subjektive Sinnempfinden kommt es an Den Eindruck, dass der Purpose-Claim die Welt zu retten, nicht die Welt rettet, sondern die Attraktivität von Unternehmen gegenüber jungen Bewerbern und Bewerberinnen steigern soll – diesen Eindruck hat Ingo Hamm, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt, schon seit einiger Zeit. Er hat gerade ein Buch mit dem Titel „Sinnlos glücklich – Wie man auch ohne Purpose Erfüllung bei der Arbeit findet“ geschrieben und ein wichtiger Teil des sehr lebensnahen Buchs dreht sich darum, die „Jugend“ vor den Purpose-Claims zu warnen. Dazu ist ihm ein entlarvendes pose ist ausgemachter Etikettenschwindel“) und bewundernswert mutig gegen eine Managementmode, die noch nicht ihren Zenit überschritten hat und vom Mainstream aggressiv verteidigt werden wird. Natürlich weiß Hamm, dass es auch gesellschaftlich sinnvolle Jobs gibt. Doch aus der Existenz solcher Jobs etwas abzuleiten, heiße, die Ausnahme zur Regel zu erheben. „Sinn macht im Job keinen Sinn. Sinn im Job ist keine sinnvolle Sinnerfüllung, sondern lediglich eine weitere quiekende Publicity-Sau, die grunzend durchs New Work-Dorf getrieben wird“, ärgert sich Hamm im Vorwort zu seinem Buch „Sinnlos glücklich“. Im Idealfall spürt man „Selbstwirksamkeit“ Hamm bezieht sich auf Professor Tatjana Schnell, Universität Innsbruck, und schlägt vier Kriterien vor, anhand derer eine berufliche Tätigkeit als sinnvoll gelten kann: 1. Die Arbeit hat einen Nutzen für andere. 2. Die eigenen Fähigkeiten und Lebensziele passen zur Arbeit. 3. Man kann hinter den Werten des Arbeitgebers stehen. 4. Die Arbeit bietet die Zugehörigkeit zu einem Team. Alle diese vier Kriterien müssen gegeben sein, damit ein Job sinnvoll ist. Hamms frohe Botschaft lautet in diesem Zusammenhang, dass fast jeder Job im Prinzip alle vier Voraussetzungen erfüllen kann. Hamm: „Wir müssen nicht alle bei Greenpeace oder der Uno arbeiten und die Welt retten, um Sinn und Erfüllung bei der ArBeispiel eingefallen: Man stelle sich vor, man arbeite bei einer sehr angesehenen Hilfsorganisation, die die Meere von Plastikmüll säubert. Man stelle sich außerdem vor, jeden Tag sammle man entlang einer Küste von einem kleinen Boot aus Plastikteile mit der Hand ein. Die Art und die Anzahl der Handgriffe, die für ein Plastikteil erforderlich sind, werden vorgeschrieben und von einem Supervisor überwacht, der jeden anmeckert, der sich ungeschickt anstellt oder zu langsam das Plastikteil von der Wasseroberfläche fischt. Hamm ist sich sicher, dass fast jeder Plastiksammler sofort kündigen würde, obwohl er etwas sehr Sinnvolles für die Welt tut. Einhundert Prozent Purpose ist unwichtig, wenn ihm null Prozent Selbstverwirklichung gegenübersteht. Kein Mensch will um jeden Preis bei Greenpeace & Co. arbeiten, wenn die Tätigkeit an sich unzumutbar ist. Durch seine Forschungen und sein Gruppenexperiment hat Hamm herausgefunden, dass die Attraktivität von Jobs damit zusammenhängt, inwiefern die Probanden das Gefühl haben, mit ihrer Tätigkeit etwas bewirken zu können, aber nicht im Sinne von „die Welt retten“, sondern ganz konkret für sich selbst. Hamm: „Es ist die Selbstwirksamkeit, die wahrgenommene Effektivität der eigenen Tätigkeit, die ganz zentral die Attraktivität von Stellen ausmacht. Jobs sind attraktiv, nicht der Purpose.“ Ein Mensch entscheide sich für einen Job, nicht für einen Arbeitgeber oder einen gesellschaftlichen Mehrwert. Der Autor Ingo Hamm kämpft mit seinem Buch ausgesprochen provokativ („Pur- R Ingo Hamm. Der Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt schreibt ausgesprochen provokativ. Buchtipp. Ingo Hamm: „Sinnlos glücklich“, Franz Vahlen Verlag, München 2022, 259 Seiten, 26,90 Euro Foto: Julian Beekmann

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