wirtschaft + weiterbildung 02_2022 15 „Zu sich selbst finden und weitermachen“ Seit wir Menschen das Paradies verlassen mussten, gilt, dass wir unser Brot im Schweiße unseres Angesichts essen müssen. „Per aspera ad astra“ („Ohne Fleiß kein Preis“) – solche Volkswahrheiten sprechen dafür, dass Anstrengung, Mühsal und Plackerei zu unserem Leben gehören. Die (protestantische) Arbeitsethik hat das Ganze philosophisch untermauert. Kurz: Dass von nichts nichts kommt, ist den meisten von uns sehr bewusst. Und mitten hinein in dieses allgemeine Bewusstsein platziert Wolf Lotter sein Buch mit der Aufforderung „Strengt euch an!“ Er will nicht weniger als uns erklären, „warum sich Leistung wieder lohnen muss“. Das klingt ein wenig nach der geistig-moralischen Wende, die Helmut Kohl vor 40 Jahren ausgerufen – und relativ schnell wieder einkassiert – hat. Liegt da also ein Anachronismus in den Bücherauslagen, der uns Altbekanntes neu erzählt? Die Transformation ist allumfassend Wer Lotter als scharfzüngigen Kolumnisten und Vordenker von „Brand eins“ kennt, ahnt: Das Buch ist alles andere als ein fader Aufguss des liberalen Anstrengungssermons. Es geht ihm darum, Arbeit und Leistung neu zu denken. Denn, so lautet der Grundbass des Essays, wir leben in einer Umbruchzeit, deren Dimension uns noch nicht völlig klar ist. Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung sind Schlagwörter, die gern und oft genutzt werden, um die aktuelle Lage zu beschreiben, doch wir zögen daraus nicht die richtigen Konsequenzen, so Lotter. Wir kratzten bislang bloß an der Oberfläche. In Tat und Wahrheit stellen uns die genannten Entwicklungen vor eine große Herausforderung. Wir müssen neue Kriterien und Kategorien entwickeln, mit denen wir Leistung definieren und Arbeit beschreiben. Bis vor Kurzem war das alles noch relativ einfach: Unternehmen haben Menschen vertraglich dazu verpflichtet, klar umrissene Aufgaben zu erledigen. Je schneller und fehlerloser sie diese Aufgaben bewältigten, desto leistungsstärker waren die Menschen. Das sei das Arbeitsverständnis und der Arbeitsethos der Industriegesellschaft, schreibt Lotter. Allein: Die Industriegesellschaft ist am Ende. „Wir leben im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Dieser Vorgang wird Transformation genannt“, sagt Lotter. Für die große Mehrheit zumindest der westlichen Welt gehöre Plackerei im Sinne harter körperlicher Arbeit der Vergangenheit an. Vieles ist erreicht, Maschinen nehmen uns Arbeit ab, wir sind – verglichen mit allen Rezension. Was heißt Arbeit in einer Welt, in der es vor allem darauf ankommt, Probleme zu erkennen und auf bislang unbekannte Weise zu lösen? Wie definieren wir Leistung, wenn Routinen nicht weiterhelfen? Diesen Fragen geht Wolf Lotter in seinem Essay nach. vorangegangenen Generationen – sehr wohlhabend. Die Herausforderungen heute und vor allem in der Zukunft liegen woanders. Wir müssen Probleme globalen Ausmaßes lösen, allem voran den Klimawandel mit seinen vielfältigen Folgen und Ausprägungen. Wir brauchen ein neues Leistungsparadigma Dabei helfen aber keine Routinen. Etablierte Prozesse effizient nutzen und definierte Handgriffe immer schneller ausführen, um möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu produzieren: Das war das Leistungsparadigma der Industriegesellschaft. In der Wissensgesellschaft aber gehe es darum, Probleme zu lösen, von denen wir die meisten heute noch gar nicht kennen. Denken, mit anderen diskutieren, Dinge ausprobieren, bewerten und verwerfen, nur um sie noch einmal ganz anders anzugehen – das mache die Arbeit von morgen aus. Mit dem Leistungsparadigma der alten Welt können wir diese neue Arbeit jedoch weder steuern noch bewerten, davon ist der Autor überzeugt. Wir brauchten ein neues Paradigma, schreibt Lotter. Eine Definition von Arbeit und Leistung, die weniger den Output und mehr das qualitative Ergebnis bewertet. Die weniger Aktionismus und mehr Vernetzung und Zusammenarbeit honoriert. Die Menschen Zeit gibt, zu lernen und ihnen ermöglicht, das Beste aus sich herauszuholen. Die bereit ist, Menschen denken und machen zu lassen, jenseits von Kernarbeitszeit und Zeiterfassung. Das alles komme nicht von allein, es ist harte Arbeit. Die wir aber leisten müssten, wenn wir die Herausforderungen der Zukunft meistern möchten. Jeder und jede von uns ist aufgerufen, diese Arbeit zu leisten – sich eben anzustrengen. Wolf Lotter. Strengt euch an! Warum sich Leistung wieder lohnen muss, Ecowin, 2021, 126 Seiten, 18 Euro (als E-Book 13,99 Euro)
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==