Schwerpunkt 9 BIRGIT GEBHARDT ist Trendexpertin mit Fokus auf der Entwicklung der Arbeitswelt. Im Auftrag des Industrieverband Büro und Arbeitswelt e. V. (IBA) erforscht sie neue Modelle des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens. Ihre Erkenntnisse aus Experteninterviews, Beratungsprojekten und Reisen werden in der Studienreihe „New Work Order“ publiziert. Bereits 2016 formulierte Gebhardt in der New-WorkOrder-Studie „Kreative Lernwelten“ die Chance der Lernwelt als neuen Auftrag für das Büro. Zur diesjährigen Orgatec, der internationalen Leitmesse für moderne Arbeitswelten, erscheint ihr Special „Die Macht des Raums“. Gebhardt berät Unternehmen wie Swisscom Immobilien, Xing oder die Lufthansa Group. Zuvor war sie Geschäftsführerin im Trendbüro. Hier und Jetzt verorten, sollte uns das Anregung und Argument genug sein, die reale Umwelt stimulierender zu gestalten. Unsere Sinne reagieren bei erhöhter Aufmerksamkeit oder neuen Erfahrungen (Lernen) auf zahlreiche Umgebungsfacetten, die das Gehirn mit abspeichert. Das beginnt schon mit der gegenwärtigen Lichtfarbe beim Lösen einer Aufgabe. Hat die sich nach einer Pause durch den Sonnenstand verändert, brauchen wir etwas länger, um wieder hineinzukommen, als bei gleichem Farblichtspektrum, denn Lichtfarben steuern unser Zeitempfinden. Das Wissen darüber legt die Lernerfahrung in unsere beziehungsweise die Hände der Umgebung: Soll sie uns die Wiederaufnahme erleichtern oder wollen wir die Aufgabe noch einmal unter anderem Licht mit mehr Abstand betrachten? Wir kommunizieren unweigerlich mit Räumen, spüren ihre Wirkung auf uns, passen uns an oder beginnen in ihnen zu handeln. Der kognitive Neurologe Colin G. Ellard vertritt die These, dass Gebäude in uns Anpassungsbestrebungen auslösen und verweist auf unsere Spiegelneuronen zur Empathiefähigkeit, wenn wir Freude oder Leid im Gesicht einer Person nachempfinden. Es kann also auch ein wertschätzender Raum zum Gefühl des Wertgeschätztseins beitragen. Und es muss uns nicht wundern, dass uns im typischen Drei-Bund-Büro (Anm. d. Red.: Standardflächenstruktur für Büros, bei der die Arbeitsflächen um zwei Flure und eine Mittelzone für Serviceflächen wie Küche, Lager, Kopierraum erweitert sind) nicht das Herz aufgeht, wenn wir raumbildend so unter unseren Möglichkeiten bleiben. Wenn also wir Menschen von Natur aus geneigt sind, mit unserer Umgebung zu assimilieren, und in der Wahl dieser Räume mehr Freiheiten haben, werden Mitarbeitende den Raum aufsuchen, in dem sie sich den größten Support, funktional wie emotional, erhoffen. Bietet die Lernwelt (und die in ihr Agierenden) schon ein assoziatives Abbild der Lernverfassung oder Arbeitshaltung, die der Neuankömmling einnehmen will, fällt ihm der Switch in die Arbeits- oder Gesprächshaltung leichter. Vor allem in flexiblen Strukturen und bei einer freien Entscheidung, wie und wo man arbeiten möchte, werden Vorbilder, Rituale und Symbolik zu wichtigen Mustern, um sich selbst effizienter zu orientieren und zu organisieren. 4. Arbeitsräume können die Selbstwirksamkeit erhöhen Die Idee, unsere Handlungsabsicht stärker mit Metaphern aufzuladen, begrenzt sich dabei nicht auf gebaute Umgebungen. Unsere Vorstellung von Raum entsteht über die Interaktion mit der Außenwelt. Wir vernetzen uns in Kommunikationsräumen und bilden gedankliche wie territoriale Bezugspunkte aus. Via Interaktion mit digitalen Tools, sozialen Medien und Interfaces visualisieren wir unsere Vorstellungsräume, simulieren, was real sein könnte (digitaler Zwilling) und materialisieren Gedankengerüste (3D-Druck). Die räumlichen (wie auch zeitlichen) Übergänge von der Kommunikations- in unsere Kohlenstoffwelt überlagern sich und werden als Blended Learning gestaltbar. Mit den erweiterten Welten, wie sie beispielsweise Navigationsgeräte uns zu Füßen legen, erweitert sich auch unser Zutrauen. Einzige Hürde auf der neuen Spielwiese ist unsere körperliche Begrenztheit. Unser Körpergefühl sagt uns, dass wir im GamingSessel liegen, während uns die virtuelle Abenteuerwelt suggerieren will, dass wir fliegen. Blickten wir jetzt auf unsere Füße, könnte uns übel werden, weil unser Gehirn von gegensätzlichen Raumeindrücken irritiert wird. Unsere Wahrnehmung sucht nach Wahrheiten. 30 bis 40 Millisekunden Zeitversatz zwischen Lippenbewegung und Ton genügen ihr, um festzustellen, dass ihr etwas vorgespielt wird. Das bedeutet auch: Je mehr Sinneseindrücke sich abrufen und je kongruenter sich die Puzzleteile zu etwas Bekanntem zusammenfügen lassen, umso schneller können wir die Situation meistern. Grundlegende Werte wie Sicherheit und Vertrauen lassen sich daher am besten über physische Begegnungen und informelles Kennenlernen aufbauen. Die Natur des Raums – die Anteile physischer Realität versus digitaler Interaktion – sind entscheidend für unseren jeweiligen Eindruck. Im Körperlichen finden wir Rückhalt in Gewissheiten. Im Virtuellen begeistern uns neue Motive und spielerische Interventionen. 5. Das Büro als Bühne zur Selbsterprobung Der Fokus „Raum“ bedient zwei Servicegedanken, die das Büro als Lernwelt zusammenfassen könnte: den Kommunikationsraum, der Zeiten und Realitäten überwindet. Und den physischen Begegnungsraum, in dem Menschen ihre Grenzen untereinander überwinden. Jede dieser Richtungen nimmt uns mit auf eine User Experience. Die Chance für das Büro wäre nun beide Realitäten als Blended Learning wie auf einer Bühne erlebbar zu machen: So wie heute jede digitale Karte die Welt um den Standpunkt des Individuums aufbaut, so ähnlich müssen wir uns die künftige Erwartung an die Arbeitswelt vorstellen: „Die Möglichkeiten zu Füßen gelegt, und das Geländer zur Zielerreichung hier im Angebot!“ Wo die Transformation verlangt, dass wir uns permanent in neuen Rollen ausprobieren, findet sich mit der Probebuhne der Resonanzraum, um sich gemeinsam an Neues heranzuwagen. Die Bühne schafft Flexibilität und Sichtbarkeit: Sie ermuntert zu „freien Stücken“, indem sie die Akteure ins Licht setzt. Die Chance dieser Lernwelt liegt in der multisensorischen User Experience, als besonderer Lernerfahrung und ihrem Narrativ, das Teil der Unternehmenskultur sein könnte. Das Büro ist hier im Vorteil: Je mehr Sinne adressiert werden, umso reicher der Eindruck. Je positiver sie angeregt werden, umso nachhaltiger die (Lern-)Erfahrung. Erst dann funktioniert Raum als Befähiger, Vermittler und Verwandler.
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==