Mit Extended Reality gegen Videokonferenzmüdigkeit Die meisten kennen das. Statt mit „Wie geht es Ihnen?“ beginnen Videokonferenzen oft mit „Können Sie mich hören?“. Doch neben Softwareproblemen oder instabilen Internetverbindungen bieten aktuelle Videokonferenzen ein breites Spektrum an Vorzügen gegenüber Faceto-Face-Treffen. Sie ermöglichen Kommunikation auf Knopfdruck, überwinden Distanzen und vermeiden unnötige Wege. Verschiedene Hilfsmittel stehen zur Verfügung, wie das Teilen des Bildschirms oder Chat. Seit die Pandemie Anfang 2020 den Boom von Plattformen wie Zoom, Microsoft Teams oder Webex auslöste, werden diese Systeme mit dem Phänomen „Zoom Fatigue“ oder Videokonferenzmüdigkeit in Verbindung gebracht. Die Gründe dafür reichen von persönlichen Faktoren wie Technikaversion und organisatorischen Aspekten wie zu eng getakteten Videokonferenzen bis zu Umgebungsfaktoren wie dem „Home“ im Homeoffice. Maßgeblich für die mögliche Ermüdung können auch technische Faktoren sein. So haben frühere Studien gezeigt, dass ein Spiegel die Aufmerksamkeit im Gespräch stört und die Kommunikationsanstrengung erhöht. Jüngere Studien zeigen, dass auch der „Videospiegel“ in Videokonferenzen mehr Anstrengung erzeugt, weil man sich selbst oder den Hintergrund kontrolliert. Diese Selbstkontrolle lässt sich technisch ausschalten. Eine andere Ursache für Ermüdung ist aber die Anstrengung der Augen („Eyestrain“), ausgelöst durch lange Bildschirmarbeit. Auch eine erschwerte Interaktion über Von Alexander Raake sogenannte „Social Cues“ der Kommunikation wie visuelle Gesten (Lächeln, Augenkontakt) kann ermüden, bei vielen kleinen Bildschirmkacheln oder schlechter Audio-/Videoqualität. Anstrengend ist meist, solche Signale zur Kommunikation zu erzeugen oder wahrzunehmen. Die natürliche Verzahnung des Kommunikationsflusses kann auch gestört werden, wenn Hinweise, dass man selbst etwas sagen möchte, verzögert auf der anderen Seite ankommen. Zudem kommt die akustische und visuelle Information aus einer schmalen Richtung, sodass die Vorzüge unserer ausgeklügelten natürlichen räumlichen Wahrnehmung nur eingeschränkt ausgeschöpft werden. Da wir die ganze Zeit im Bild bleiben müssen, bewegen wir uns weniger und können schlecht „defokussieren“, was neben höherer kognitiver Anstrengung eine verminderte Kreativität bewirken kann. Für einige dieser Probleme liefert die sogenannte „Extended Reality“ (XR) vielversprechende Auswege. Wenn wir etwa mittels räumlicher Audios die anderen im Raum verteilt hören, können wir die audiovisuelle Szene mit Leichtigkeit analysieren („Cocktail-Party-Effekt“) und uns besser merken, wer was gesagt hat. Wir können uns dann auch einzelnen Personen zuwenden – fast so, als wären sie direkt neben uns. Jüngste Entwicklungen von Kopfhörern lassen hier Neues zu: Headtracking ermöglicht, dass das Schallfeld entsprechend der aktuellen Kopfposition und der relativen Bildschirmposition des Geräts dargeboten wird. Während Kopfhörer seit Kurzem in den ersten Reihen im Elektromarkt stehen, trifft das bei sogenannten „Head-Mounted Displays“ oder „Augmented-Reality“- Brillen noch nicht zu. Die technische Entwicklung lässt aber erwarten, dass sich das noch ändert. Dann kann es marktfähig werden, auch die visuelle Information zu „augmentieren“, zu bereichern mit anderen Personen, denen ich mich auf natürliche Weise zuwenden kann. Wir müssen dafür nicht in ein komplett virtuelles „Metaverse“ abtauchen. Auf unseren realen Meeting-Stühlen sitzen damit mittelfristig Personen, die per „Augmented Reality“ in einer „gemischten Realität“ (Mixed Reality) dargestellt werden wie beim Jedirat von Star Wars. So „copräsent“ im Raum werden wir alle dann hoffentlich weniger müde. ALEXANDER RAAKE ist Professor für audiovisuelle Technik an der TU Ilmenau. Er befasst sich unter anderem mit immersiven Mediensystemen, Telepräsenz und dem Nutzererleben. 58 Arbeitswelten personalmagazin plus: Arbeitswelten
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