Personalmagazin plus 10/2022

42 Arbeitswelten personalmagazin plus: Arbeitswelten Der Ruf nach mehr Privatsphäre Von Dewi Schönbeck Hybrid Working klingt perfekt: zu Hause konzentriert arbeiten, zum Austausch ins Büro. Doch in der Praxis klappt das oft nicht. Der Wunsch nach Privatsphäre endet nicht am Unternehmenstor. Eine Studie zeigt Lösungswege aus diesem Dilemma. Foto: Steelcase Sitzen Sie gerade im (Großraum-)Büro oder im Homeoffice? Eine klassische Meeting-Frage, die vor zwei Jahren nicht so selbstverständlich gewesen wäre wie heute. Betrachtet man die Entwicklung von Bürokonzepten, bilden sich neue Arbeitsformen und -konzepte über einen längeren Zeitraum, bis sie sich etablieren. Die letzten 24 Monate katapultierten Arbeitgeber und Arbeitnehmende in eine neue Form der Arbeit. Kamen zwischenzeitlich Fragen auf, ob das Büro überhaupt noch benötigt wird, ist nun klar: Räumlichkeiten bleiben nicht nur für die Attraktivität des Arbeitgebers (Stichwort The Great Resignation), sondern auch als Arbeitsort unverzichtbar – die neue Form der Arbeit, die sich etablieren wird, ist hybrid. Wenn Unternehmen jetzt die Funktion ihrer Arbeitsräume für hybrides Arbeiten überdenken, gehen nicht wenige davon aus, dass das Büro ausschließlich ein Ort der Zusammenarbeit sein wird. Werden Arbeitnehmende gefragt, haben allerdings bereits frühere Studien gezeigt: Angestellte klagen über Konzentrationsschwierigkeiten in offenen Arbeitsumgebungen. Auch die aktuelle Studie von Steelcase belegt: Die Möglichkeit, bei der Arbeit einen privaten Bereich zu nutzen, ist für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt wichtiger denn je. Insbesondere, wenn ein Großteil der Arbeit per Video stattfindet und zukünftig vermehrt stattfinden wird. Angestellte in Deutschland geben an, dass für sie vollständig oder teilweise abgeschlossene Arbeitsbereiche wichtiger sind als vor der Pandemie (58 Prozent), dicht gefolgt von Bereichen zur hybriden Zusammenarbeit (57 Prozent), Privatsphäre (56 Prozent) und Nischen zur Einzelnutzung in hybriden Besprechungen (55 Prozent). Eine große Anzahl an Räumen zur Zusammenarbeit wissen im Vergleich weniger Mitarbeitende zu schätzen (42 Prozent). Grund für den Ruf nach mehr Privatsphäre im Büro ist, dass Arbeitnehmende in der Homeoffice-Zeit erlebt haben, wie es ist, ohne Ablenkungen arbeiten zu können. Ohne Rückzugsmöglichkeit im Büro leidet die Produktivität Beim Übergang zur hybriden Arbeit möchten Menschen also, dass das Büro Zusammen-, aber auch Fokusarbeit unterstützt. Die Annahme von Unternehmen, dass Fokusarbeit, die allein durchgeführt wird, auch künftig zu Hause stattfindet, ist problematisch. Warum? Für die meisten Angestellten zieht sich der Bedarf nach Privatsphäre wellenförmig durch den Arbeitstag. Die zu erledigenden Aufgaben variieren zwischen intensiver Zusammenarbeit mit anderen, einfachen, aber individuellen Arbeiten, wie zum Beispiel das Beantworten und Schreiben von E-Mails, oder Aufgaben, die konzentriert erledigt werden müssen. Den Grad der Privatsphäre selbst regeln Ohne die Möglichkeit, die benötigte Privatsphäre selbst zu regeln, sehen sich Angestellte in offenen Umgebungen ständig mit Ablenkungen konfrontiert. Das führt dazu, dass sie sich deutlich mehr anstrengen müssen, um ihre Arbeit zu erledigen. Hinzu kommt: Der Mensch als soziales Wesen strebt danach, von seinem sozialen Umfeld geschätzt zu werden. Um möglichst viel Akzeptanz von Kolleginnen und Kollegen zu erhalten, überprüfen wir in Anwesenheit anderer kontinuierlich unser Verhalten und Auftreten. Diese (unterbewusste) Selbstkontrolle ist störend und raubt zusätzlich Energie. Menschen möchten also phasenweise ungestört arbeiten, der Arbeitsweg erlaubt es aber häufig nicht, im Laufe eines Tags mal im Büro, mal im Homeoffice zu arbeiten. Wenn das Büro keine Rückzugsorte bietet, bedeutet das, dass Produktivität und Wohlbefinden leiden.

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