Personal Magazin plus 6/2022

Sustainability 9 grundlegend genug. Die Zahl der Kurse mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt wachse zwar, doch diese blieben meist Wahlfächer. Viele B-Schools befürchten wohl, dass Nachhaltigkeit als Teil der Pflichtkurse im Widerspruch zu klassischen Management-Themen stehen könnte. Nachhaltigkeit werde nur da hinzugefügt, wo es opportun erscheint. „Wenn Manager und Führungskräfte die SDGs nicht kennen und über keine praktischen Nachhaltigkeitskompetenzen verfügen, dann werden wir es schwer haben, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.“ Die ehemalige UN-Sonderberaterin hat die Nachhaltigkeitsberichte von mehr als 800 Wirtschaftshochschulen untersucht, die zwischen 2015 und 2020 erstellt wurden. Ihr Urteil: Nachhaltigkeit ist oft reine Rhetorik. Prinzipiell fehlen eine kohärente Strategie und spezifische Leitlinien, wie die Schulen die SDGs in ihre Lehre integrieren möchten. Dabei böten die SDGs für die Lehrpläne und weitere Aktivitäten viele Möglichkeiten, Nachhaltigkeit voranzutreiben. Die INSEAD Business School hat beispielsweise ein SDG-Bootcamp aufgebaut, in dem Studierende Geschäftsmodelle analysieren und verbessern können. Außerdem können Teilnehmende der SDG Community Impact Challenge der B-School in Paris ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren – persönlich und beruflich. Die EM Lyon Business School in Frankreich widmet sich im Programm und in Partnerschaften jedes Jahr einem der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele. Und die EM Strasbourg vermittelt Studierenden, die Nachhaltigkeitsideen haben, Praktikumsplätze. Ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie Einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt die Griffith Business School. 2020 kletterte sie im „Better World MBA Ranking“ des kanadischen Medienunternehmens Corporate Knights an die Spitze und behauptete auch 2021 den ersten Platz. Die Brisbaner Schule baute nicht nur die Kooperation mit Wissenschaftlern anderer Fakultäten und Universitäten aus. Sie kümmert sich zudem darum, multidisziplinäre Forschungsarbeiten zu den Themen Klimaschutz, Wohlbefinden und Umweltökonomie stärker in die Kernfächer einfließen zu lassen. „Nachhaltigkeit ist bei uns nicht optional“, betont Stephanie Schleimer. Jedes Jahr überprüft die B-School, was dem Curriculum in Bezug auf die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele noch fehlt. So wurde zuletzt etwa der Buchhaltungskurs umbenannt in „Accounting for Accountability“ (Buchhaltung für Verantwortlichkeit). Die Studierenden lernen jetzt nicht mehr nur Bilanzen zu lesen, sondern auch, wie man natürliche Ressourcen, einschließlich des Wasserverbrauchs, bewertet. Die Wirtschaftshochschule tut viel für den Klimaschutz. Dazu gehören auch soziale Aspekte der Klimafolgen, zum Beispiel in Bezug auf die Lebensverhältnisse der australischen Ureinwohner. Ein erster Schritt der Umstellung auf Nachhaltigkeit bestand laut Stephanie Schleimer darin, keine Textbücher mehr zu verwenden, weil darin die Nachhaltigkeitsinhalte fehlten. Auch Prüfungen gibt es beim MBA heute nicht mehr, nur „authentische Beurteilungen“. Das heißt, die Wirtschaftshochschule arbeitet kaummit Fallstudien. Sie fördert vielmehr die Zusammenarbeit mit NGOs aus der Region oder stellt konkrete Challenges, bei denen Studierende soziale Geschäftsideen entwickeln müssen. „Case Studies sind oft zu weit weg von der unternehmerischen Realität.“ Die Studierenden, die meist berufsbegleitend studieren und aus verschiedensten Branchen kommen, sollen die Herausforderungen ihrer eigenen Unternehmenspraxis bearbeiten. Es gehe darum, Nachhaltigkeitswerte wirklich zu verinnerlichen – nicht darum, schöne Nachhaltigkeitsberichte schreiben zu können. „Nachhaltigkeit ist keine Marketingübung.“ Rankings bilden Nachhaltigkeit nicht ab Doch angehende Studierende können nicht immer vorab hinter die Kulissen blicken. Deshalb ist es schwer zu beurteilen, welche Wirtschaftshochschulen es wirklich ernst meinen. „Auch Rankings haben damit ein Problem“, meint Nachhaltigkeitsexpertin Giselle Weybrecht. Kriterien wie Gehalt und Karriereaussichten ließen sich viel leichter ermitteln als die Fähigkeiten von Absolventen, die richtigen Entscheidungen für die Menschen, den Planeten oder ein Unternehmen zu treffen. Durch Rankings könne man den Anschein erwecken, viel zu tun, indemman einfach nachhaltigkeitsbezogene Schlüsselwörter aufliste. „Deshalb muss man bei den Nachhaltigkeits-Rankings vorsichtig sein.“ Nachhaltigkeit haben viele Rankings allerdings nur marginal auf dem Schirm. Das US-Unternehmen Princeton Review bietet etwa die Rubrik „Best Green MBA“. Dieses basiert auf der Einschätzung der Studierenden, wie gut ihre Schule sie auf Umwelt-, Nachhaltigkeits- und soziale Verantwortungsthemen und auf eine Karriere in einem grünen Arbeitsmarkt vorbereitet. Auch die Financial Times hat bei ihrem Global MBA-Ranking 2022 ein neues Kriterium für ESG-Kriterien eingeführt. Es basiert auf dem ESG-Anteil der Unterrichtsstunden in den Kernfächern. Im Gesamtranking zählt dieses allerdings nur 3 Prozent, der Hauptfokus liegt nach wie vor auf der Gehalts- und Karriereentwicklung. Gerade diese Dimensionen scheinen an Bedeutung zu verlieren. Laut der Rising-Leaders-Studie würden 51 Prozent der Studierenden in Wirtschaftswissenschaften ein geringeres Gehalt akzeptieren, um für ein umweltfreundliches Unternehmen zu arbeiten – 2015 waren es noch 44 Prozent. Stephanie Schleimer hat beobachtet, dass die Haltung sich durch Erfahrungen in grünen Jobs verändert. Das Griffith-MBA-Programm haben bereits mehr als zweitausend Studierende durchlaufen. Viele kommen aus dem mittleren oder oberen Management. Ende 2021 führte die MBA-Direktorin eine Befragung der letzten 200 Absolventen durch. Das Ergebnis: Die meisten hatten eine Gehaltserhöhung zu verzeichnen, aber es war für sie nicht wichtig. „Sie haben zum ersten Mal darüber nachgedacht, was für sie bei der Karriere wirklich zählt.“ Viele hätten sich selbst nachhaltige Jobprofile geschaffen und die Nachhaltigkeitskompetenz ihrer Organisationen vorangetrieben. Eine Managementausbildung mit wertebasiertem Fokus beinhalte auch, Neinsagen zu lernen. Stephanie Schleimer hat das verinnerlicht: Wenn angehende Studierende nur auf Karriere- und Gehaltsentwicklung schauen, empfiehlt sie einen klassischen Executive MBA. „Wir sind nicht jedermanns Sache und das ist o.k.“ STEFANIE HORNUNG ist freie Journalistin und möchte ihre Arbeit nachhaltig gestalten. Termine und Reportagen nimmt sie meist virtuell oder mit ÖPNV wahr, bei der Wahl der Interviewpartnerinnen und -partner achtet sie auf Diversity.

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