13 Entrepreneurship Idee und Umsetzung in eine Sackgasse geraten und nicht alle von einer Innovation begeistert sind, dann denken sie: „Irgendetwas an der Idee muss falsch sein. Ich erkläre sie nicht richtig oder ich setze sie nicht angemessen in Szene.“ Sie unterschätzen, wie stark die Anziehungskraft des Status quo ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Mit unserer FrictionTheorie versuchen wir ein Umdenken anzuregen: Es kann sinnvoll sein, zunächst zu überlegen, welche Reibungen eine Idee auslöst und warum. Klingt logisch. Aber in der Praxis ist das gar nicht so einfach, diese Art des Perspektivwechsels … Ja, Menschen neigen dazu, die Dinge durch die Brille ihrer eigenen Erfahrung zu betrachten. Wenn wir auf der Autobahn einen rücksichtslosen Fahrer sehen, der zu schnell fährt und andere riskant überholt, denken wir, da sitzt eine unfähige oder alkoholisierte Person am Steuer. Aber wer weiß, vielleicht ist jemand auf dem Weg ins Krankenhaus oder es steckt ein anderer Notfall dahinter. Wenn es um Innovation geht, führt diese Unfähigkeit, von der Innen- zur Außenperspektive zu wechseln, zu der falschen Annahme, dass wir allein die Kontrolle darüber haben, ob etwas erfolgreich ist oder nicht. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Idee und zu wenig auf das Publikum. Wie kannman Hindernisse auf demWeg zumEntrepreneurship am besten überwinden? Eine reibungslose unternehmerische Reise ist eine Art Oxymoron. Unternehmer stoßen immer auf Menschen und Organisationen, die sich nicht vom Status quo wegbewegen oder sich nicht die Mühe machen wollen, ihre Ideen zu prüfen. Aber es ist wie in den Marvel-Superheldenfilmen: Die X-Men sind ganz normale Menschen, die bemerkenswerte Superkräfte entwickeln, weil sie an ihren Herausforderungen wachsen. Schwierige Aufgaben spornen sie an und lassen sie erkennen, dass sie Fähigkeiten haben, die sie vorher nicht zu schätzen wussten. Ein bisschen Stress ist für Unternehmertum also ganz gut. Es gibt aber auch strukturelle Hindernisse für Gründertum, vielleicht nicht in den USA, aber anderswo schon … Das stimmt, die USA sind ziemlich einzigartig, was die Förderung von Unternehmertum angeht. Kulturell bedingt haben wir eine gewisse Toleranz für Misserfolge. In vielen Ländern der Welt, zum Beispiel in Teilen Asiens und des Nahen Ostens, wird unternehmerisches Risiko oder Scheitern überhaupt nicht geschätzt. Je nach Kultur schrecken die Menschen vor Innovationen zurück, weil Veränderungen mit Aufwand, Emotionen oder Abwehrhaltungen verbunden sind. An dieser Stelle wird die Reibungstheorie aus unserem Buch interessant: Sie kann dazu beitragen, bestimmte Hindernisse zu reduzieren. Zum Beispiel? In den Vereinigten Arabischen Emiraten galten Start-ups in den letzten Jahren als neue Energiequelle für das Land – die Zeit der großen Ölexporte in den 1990ern ist vorbei. Um Wachstum zu generieren, wollte die Regierung eine Bewegung für Unternehmertum katalysieren. Doch die Jungunternehmer – vor allem die an den Universitäten – stießen auf viele bürokratische und kulturelle Hürden. Von der Idee bis zum Launch eines Produkts verging mindestens ein Jahr. Hinzu kam: In Dubai gilt Scheitern traditionell als Stigma, nicht nur für die Unternehmer selbst, sondern vor allem für deren Familien. Ein Job in der Verwaltung oder der Regierung ist viel höher angesehen. Die Regierung in Dubai hat deshalb ein Innovationshub aufgebaut und dafür die Dubai Future Foundation (DFF) gegründet. Wie ist diese Einrichtungmit den Vorbehalten demGründertum gegenüber umgegangen? Es entstanden neue Fördertöpfe, Vernetzungsmöglichkeiten und eine Art kreative Freihandelszone mit lockeren Regelungen für die Zulassung von Businesseinheiten. Außerdem erklärte der Premierminister der VAE, seine Hoheit Sheikh Mohammad bin Rashid Al Maktoum, in einem Strategiepapier Entrepreneurship zur nationalen Aufgabe. Die Regierung von Dubai verschickte ein von dem Herrscher persönlich unterzeichnetes Dankesschreiben an die Eltern derjenigen, die das DFF-Unternehmerprogramm absolviert hatten. Dies hat viel dazu beigetragen, Unternehmertum im Land neu zu gestalten. Inwiefern beherzigen Sie als Direktor für Entrepreneurship von Kellogg ihre Friction-Theorie? In hohem Maße! Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe, Hindernisse zu beseitigen, die einer unternehmerischen Tätigkeit imWege stehen. Nicht alle Hindernisse, denn ein wenig Reibung hilft Unternehmern wie gesagt, ihren Mut und ihre Ausdauer zu entdecken. Aber bei strukturellen Hürden können wir auf jeden Fall helfen. Jede und jeder Studierende hat einen anderen unternehmerischen Weg. Wir sind bestrebt, eine Kellogg-Reise zu entwerfen, die genau auf die Bedürfnisse eines bestimmten Gründers oder einer Gründerin zugeschnitten ist – in funktionaler, akademischer, sozialer und emotionaler Hinsicht. Aber die Entrepreneur-Kurse sind freiwillig und gehören nicht zum Kernlehrplan. Welche Bedeutung haben sie für Kellogg da überhaupt? Wenn man jemanden in eine bestimmte Richtung drängt, erhöht das eher den Widerstand. Unternehmertum ist keine Karriere, sondern eine Berufung. Diese Berufung kann sich während des Studiums bei uns abzeichnen oder 15 Jahre später. Unser Ziel ist es, Studierende fachlich und geistig vorzubereiten, ein eigenes Unternehmen zu gründen oder zu kaufen. Unternehmertum ist „opt in“. Wenn 70 Prozent der Studierenden, die einen Entrepreneurship-Kurs besuchen, feststellen, dass das Unternehmertum nichts für sie ist, ist das großartig! Die Business School ist genau die richtige Umgebung, um verschiedene Zukunftsperspektiven „auszuprobieren“. Ihnen schwebt eine Art Karrierecoaching vor. Wie soll das konkret aussehen? Dass Studierende auf das falsche Ziel ausgerichtet waren, bemerkten sie früher oft erst nach 70 Prozent ihrer Ausbildung. Für uns ist es deshalb wichtig zu verstehen, warum jemand eine unternehmerische Laufbahn anstrebt. Mit einer Kombination aus Assessment Tools und Executive Coaching können wir besser sicherstellen, dass sie frühzeitig den für sie besten Weg einschlagen – ob im Entrepreneurship oder einer klassischen Unternehmenskarriere. Zwei Jahre vergehen schnell. Alles, was wir zu bieten haben, sollen Studierende in der Zeit optimal nutzen können.
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