Warum sind eigentlich mentale Belastungen aktuell so ein großes Thema? Haben sie in den vergangenen Jahren, insbesondere seit Corona, tatsächlich so sehr zugenommen? Schneider: Die Medien suggerieren das ein bisschen. Aber tatsächlich gibt es kaum epidemiologische, wirklich große Studien, die belegen könnten, dass beispielsweise die Anzahl von psychischen Erkrankungen durch Corona gestiegen ist. Im subklinischen Bereich deutet schon mehr darauf hin, dass das allgemeine Belastungslevel insgesamt gestiegen ist durch die vielen Krisen, die insgesamt unsichere Weltlage und auch die Schnelllebigkeit beziehungsweise die Digitalisierung. Was wir aber in der Resilienzforschung sehen ist, dass es durchgehend einen Anteil von ungefähr 60 Prozent der Menschen gibt, die trotz allem psychisch stabil sind und gut durch diese Zeiten kommen. Dietrich: Ich glaube, dass wir einfach mehr über das Thema sprechen. Wenn Dinge sichtbarer werden, trauen sich mehr Menschen, auch selbst darüber zu sprechen. So bedeutet beispielsweise die Tatsache, dass es mehr Bedarf an Psychothera- „Die Führungskraft ist nicht verantwortlich für die Lösung der Probleme, aber dafür, die Rahmenbedingungen für den bestmöglichen Job bereitzustellen.“ Nora Dietrich pieplätzen gibt, nicht, dass es mehr psychische Erkrankungen gibt als vorher. Es heißt nur, dass sich mehr Leute ein Helfersystem leisten. Eigentlich ist das also eine positive Entwicklung, die nur häufig falsch interpretiert wird: Wir sind in der Lage, uns einzugestehen, dass wir Unterstützung brauchen. Seht ihr denn einen Unterschied in den Generationen hinsichtlich des Stressempfindens? Man hört häufig den Vorwurf, die jüngeren Generationen wären nicht belastbar … Dietrich: Diese ganz großen Generationenunterschiede, über die in den Medien berichtet wird, gibt es meist gar nicht, hier muss man etwas vorsichtig sein. Dennoch ist meine Wahrnehmung, dass die junge Generation mit einem ganz anderen Vokabular hinsichtlich mentaler Gesundheit aufgewachsen ist als die Generationen davor. Und deshalb auch viele einfacher mentale Belastungen thematisieren können. Aber das ändert nichts an der tatsächlichen Verteilung: Auch die älteren Generationen sind sehr belastet. Und wenn wir als Organisation mentale Gesundheit als Strategie integrieren, ist das für alle gut. Die Gen Z ist viel eher ein cooler Treiber, die sich traut zu sagen, dass wir ein neues Leistungsverständnis brauchen, um Gesundheit als Wert sichtbar zu machen. Gesundheit als Wert ist aber auch für ältere Generationen immens wichtig. Sind wir damit schon auf dem Weg zu einer gesünderen Organisation und letztlich gesünderen Gesellschaft? Schneider: Was wir in der Praxis definitiv beobachten, ist, dass der generelle Wille der Unternehmen für Gesundheit sehr viel größer ist als noch vor fünf Jahren. Damals hatten wir mit Organisationen gesprochen, die das überhaupt nicht auf dem Radar hatten. Das Thema Gesundheit war tabu, man sprach von Performance-Verbesserung. Dieses Verständnis hat sich verändert: Heute kommen Organisationen, insbesondere auch HR-Abteilungen, viel stärker auf uns zu und suchen Unterstützung, um die strukturellen und organisationskulturellen Aspekte mehr auszubauen. Generell bewegen wir uns meiner Ansicht nach in eine Richtung, in der Organisationen offener sind für das Thema und auch gerne mehr machen wollen. Dietrich: Trotzdem ist es noch ein sehr zartes Pflänzchen. Viele Organisationen sind aktuell finanziell sehr, sehr herausgefordert. Und wenn Entlassungswellen anstehen, wird als erstes das Mental Health Budget gekürzt. Die Unternehmen haben die psychische Gesundheit noch nicht als Krisenfundament verstanden. Das liegt daran, dass wir noch ganz am Anfang sind in diesem Verständnis. Zu unserer Arbeit gehört deshalb auch, hier laut zu sein, das Thema Mental Health immer wieder auf den Tisch zu packen und das Missverständnis, dass nur entweder Leistung oder Gesundheit möglich ist, aufzulösen. Nur beides zusammen funktioniert. KATHARINA SCHMITT schreibt und recherchiert unter anderem zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Das Gespräch mit Nora und Eva hat sie in ihrer Überzeugung bestärkt, dass psychische Gesundheit vom Tabuthema zum Verantwortungsbereich für Unternehmen werden muss. 39 Trends
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==