Personalmagazin Arbeitswelten 9/2024

Arbeitswelten personalmagazin Arbeitswelten 2024 20 wäre nicht nur innerhalb der MINT-Fächer ratsam, sondern auch in Kombination mit Geistes- und Sozialwissenschaften. Informatik und Anthropologie zum Beispiel – das Programm von Maschinen und die Verhaltensmuster von Menschen – wären so ein erweiterter Betrachtungswinkel, unter dem sich Zukunft gestalten ließe. Auch die Philosophin Dorothea Winter plädiert angesichts des Wissenszugangs durch KI dafür, „dass wir uns wieder auf das alte, humanistische Bildungsideal besinnen, bei dem wir einen Grundstock an Kenntnissen trainieren, um Kontexte zu verstehen und Bezüge herstellen zu können. Am besten über vielfältige Erlebnisse und Übungen, damit die Synapsen sich vernetzen und wir eigenes Urteilsvermögen entwickeln.“ Der Computer- und Risikokapitalunternehmer Hermann Hauser soll in Cambridge auf die Frage, was für ihn ‚human intelligence‘ ist, gesagt haben: ‚The ability to know, what to do next‘. Und Wasner, der die Episode erzählt, hält nicht nur die Antwort bis heute für gültig, sondern definiert das Fragenstellen an sich als unsere menschlichste und wichtigste Aufgabe für die Zukunft: „Je mehr du automatisieren kannst, umso wichtiger wird es, die richtigen Fragen zu stellen und Probleme zu identifizieren, die für uns Menschen überhaupt relevant sind.“ Für die Verantwortung, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, brauchen wir also die Fähigkeit, Veränderung zu erspüren, um das Relevante in ständig neuen Konstellationen richtig bewerten zu können. Die KI als Innovator ... und wir als kreative Intelligenz Als Intelligenz beschreibt Francois Chollet, der als Softwareingenieur an evolutionären Algorithmen forscht, die Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen, Dinge zu verstehen, die man noch nie zuvor gesehen hat, in einer Welt, die sich dauernd verändert. Genau diese Veranlagung, so Chollet, hätten wir Menschen der KI voraus. Mit dem Ansatz der ungefähren Ähnlichkeit, nach dem die jetzige KI funktioniere, sei echtes abstraktes Denken nicht möglich. Evolutionäre Algorithmen beziehen zufällige Lösungsansätze mit in ihre Berechnungen ein. Wenn KI also nicht intelligent ist, ist sie dann kreativ? Oder bleibt sie ein Werkzeug für unsere Kreativität? Winter, die zu KI und Kunst aus philosophischer Perspektive forscht, spricht der KI die kreativ-schöpferische Kompetenz ab: „KI ist nicht kreativ und wird es künftig auch nicht sein können. Nicht nur zum aktuellen Status Quo des technischen Fortschritts, sondern ich sage: Prinzipiell nicht.“ Für die Abgrenzung zur KI definiert sie den Begriff „Kreativität“ als freiheitliches Urteilsvermögen, verweist auf Kants Schriften zur Ästhetik und das traditionelle Kunstverständnis, wonach das kreative Schaffen vielfach einen bewussten Regelbruch von etwas bisher Gültigem erfordert – sei es eine (kunst-)handwerklich-technische (techné) oder eine geistig-inhaltliche Auseinandersetzung (episteme) als erkennendes Wissen. Das Vermögen, freiheitlich urteilen zu können, wird für uns Menschen in Abgrenzung zur KI an Bedeutung zunehmen, und wir sollten uns hierin üben. Die KI hilft, kreativ und innovativ zu sein. Kreative Regelbrüche waren in der Arbeitswelt bisher keine Hilfe – selbst die generative KI braucht ein klares Framing, damit sie Lösungen errechnen kann, wie auch wir in den Organisationen mit Doppel- oder Triple-Matrizes versuchen, Arbeit und Verantwortung zu verteilen. Die Philosophin Winter präzisiert ihre Erläuterungen dahingehend, dass auch der Mensch in den meisten Bürojobs nicht im künstlerischen Sinne kreativ werden müsse. Vielmehr gehe es im Büro darum, innovativ zu sein: „Also, dass wir uns überlegen, wie wir möglichst effizient und neuartig Fragen beantworten, Probleme lösen und eine bessere Leistung erzielen“. Und bei dieser zielgerichteten Lösungsfindung kann uns die KI sehr innovativ unterstützen: Als Inspiration beim Brainstorming zur Konzeption, wo es für marktfähige Innovationen schon hilfreich ist, vorhandenes Wissen neu zu kombinieren. Durch Hinzunahme von Marktanalysen zur Anpassung an das Umfeld und schließlich durch Visualisierungen oder Simulationen zur Anschauung, Erprobung und Prognose. Im Grunde „ KI ist nicht kreativ und wird es künftig auch nicht sein können. Ich sage: prinzipiell nicht, nicht nur zum aktuellen Status quo des technischen Fortschritts.“ Dorothea Winter, Philosophin und Autorin des Buchs „KI, Kunst und Kitsch“

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