Personalmagazin 2025

23 Führung im Wandel Disziplin, Befehl, Gehorsam – sie feiern ein Comeback. In den USA spricht man vom „Vibe Shift“: einem Stimmungsumschwung. In der Trendforschung beschreibt der Begriff den Moment, in dem sich das Klima ändert. Erste Symptome einer neuen Modewelle treten auf. Das geschieht gerade auch in der Arbeitswelt. Erste Anzeichen: New Work, Selbstverantwortung, partizipative Führung – einst gefeiert – gelten zunehmend als überholt. Gefragt sind Orientierung, Klarheit, Härte. Was autoritäre Führung befeuert Warum ist das so? Die Welt wirkt unsicherer, instabiler, komplexer denn je. Die Sehnsucht nach Ordnung wächst – und nach Menschen, die sie zu bringen versprechen. Die Sozialpsychologie nennt das den „Authoritarian Shift“: In Bedrohungslagen steigt die Angst, und mit ihr das Bedürfnis nach starker Hand. Geopolitische Verwerfungen, technologische Umbrüche, wirtschaftlicher Druck – Unternehmen haben einige Turbulenzen zu bewältigen. Demokratische Führung passt da schlecht ins Bild: zu langsam, zu diskussionslastig. Sie verlangt Aushandlung, Zweifel, Reflexion. Wer Entscheidungen treffen muss, spürt den Druck, schneller, effizienter, produktiver zu sein. Beschäftigte mit und ohne Führungsverantwortung wünschen sich jemanden, der Komplexität reduziert und sagt, wo es lang geht. In dieser Gemengelage kann die neue Härte landen. Stärke – selbst, wenn sie autoritäre Züge trägt – wirkt anziehend, weil sie mit bisherigem Mainstream bricht. Dieses Anderssein elektrisiert, befeuert Führungsideale, die lange als überholt galten. Der „starke Mann“ erlebt ein Revival – eine Figur aus der GreatMan-Theory des 19. Jahrhunderts. Wirklich ein Trend? In den USA ist der Stimmungsumschwung deutlich spürbar: Forderungen nach mehr „maskuliner Energie“ stoßen kaum noch auf Verwunderung. Auch in Europa mehren sich die Anzeichen. Medien berichten vermehrt über Führungskräfte, die mit harter Hand durchgreifen, restrukturieren, rationalisieren – und dabei auf Loyalität, Disziplin und Präsenz im Büro setzen. Doch ist das ein realer Trend? Oder nur ein Fall selektiver Wahrnehmung, befeuert durch zugespitzte Aussagen einzelner CEOs und einiger Headhunter? Die Führungskultur in Deutschland ist geprägt durch die Nachkriegszeit: Mitbestimmung, Tarifautonomie, Betriebsverfassungsrecht. Diese Elemente wirken bis heute als Gegengewicht zum autoritären Führungsstil – anders als in den USA, wo eine gewisse Hire-and-Fire-Mentalität nicht ungewöhnlich ist. Entscheidungen entstehen hierzulande im Aushandlungsprozess, Interessen werden einbezogen, Kompromisse gesucht. Hierarchie existiert – aber eingebettet in kollektive Kontrolle, auch durch rechtliche Vorgaben. Und doch: Auch in der DACH-Region zeigen sich autoritäre Tendenzen. Das New-Work-Barometer 2025 (siehe Beitrag von Carsten Schermuly, Fried Wilsker und Matthias Meifert) zeigt: Demokratische Führung dominiert – aber autoritäre liegt knapp dahinter. In Industrie, öffentlicher Verwaltung und Verkehrssektor führt sie sogar das Feld an. Das Barometer beleuchtet auch die Machtverteilung – die Verfügungsgewalt über knappe Ressourcen wie Informationen, Privilegien, Budgets – und die Verbreitung verschiedener Erscheinungsformen. Im deutschsprachigen Raum ist die legitimierte Macht am häufigsten, die auf formeller Position beruht. Es folgen Expertise- und Informationsmacht – erst danach kommen charismatische Macht, Belohnungsmacht, Bestrafungsmacht und zuletzt die moralische Macht. Das ist eine Momentaufnahme. Die Frage nach den Führungsstilen und der Machtausübung war erstmals Teil der Befragung. Noch ist nicht klar, ob es sich hier um eine Verschiebung handelt oder die Führungs- und Machtverhältnisse im deutschsprachigen Raum schon immer so waren. Mehr Härte – und mehr Leistung, bitte! Auffällig ist aber: Wenn Unternehmen einen härteren Führungsstil für sich beanspruchen, folgt meist die Forderung nach mehr Leistung auf dem Fuß. Das beinhaltet Instrumente wie ein durchdekliniertes System individueller Leistungsbewertung. Man spürt es, kann es aber noch nicht so recht greifen: Etwas hat sich verschoben. In der Gesellschaft, in der Politik – und auch in den Unternehmen. Der Ton ist rauer geworden, die Ansagen deutlicher. Was viele noch vor wenigen Jahren als autoritär ablehnten, erscheint heute auf einmal wieder attraktiv: Führung mit harter Hand. Was es mit diesem Stimmungsumschwung auf sich hat und wie HR damit umgehen kann.

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