personalmagazin 9/2016 - page 41

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Bei Fragen wenden Sie sich bitte an
leme bei externen Zulieferern lahmge­
legt. Der japanische Autohersteller hatte
wegen seiner auf Effizienz getrimmten
„Just-in-time-Logistik“ keinerlei Vorsor­
ge getroffen.
Es gibt viele weitere Aktivitäten, et­
wa intelligente Gebäude für bessere
Energiebilanzen, Notfallwiederherstel­
lung-Systeme im Cloud-IT-Zeitalter und
natürlich die Alleinstellungsmerkmale
von Produkten für eine stabile Kun­
dennachfrage. Die Personalabteilungen
sollten verstehen, wie solche und wei­
tere Maßnahmen zur Verbesserung von
Resilienz und Nachhaltigkeit aussehen.
Mit diesem Hintergrundwissen können
sie die richtigen Impulse für Führungs­
kräfte und Mitarbeiter entwickeln. An­
satzpunkte sind: Mitarbeitermotivation,
Personalentwicklung, Arbeitsbedin­
gungen und anderes mehr. Über die
positiven ökonomischen Effekte hinaus
können Unternehmen mit weiteren Vor­
teilen rechnen, wenn sie auf Resilienz
und Nachhaltigkeit setzen. So etwa mit
hoch-innovativen Ideen, die oft an den
sozialen Rändern der Organisation ent­
stehen. Oder mit Awards als „best place
to work“, die ihrerseits zu einer verbes­
serten Mitarbeiterbindung beitragen.
Aus Praxissicht weitergedacht
Die Förderung von Resilienz und Nach­
haltigkeit hat — trotz der nachgewiese­
nen ökonomischen Vorteile — recht viel
mit persönlichen Überzeugungen zu
tun. Es ist schwer vorstellbar, dass sich
ein auf kurzfristige finanzielle Optimie­
rung getrimmter Manager durch Analy­
sen wie die hier vorgestellte vom Saulus
zum Resilienz- und Nachhaltigkeits-
Paulus wandelt. Beide „Philosophien“
sowie auch die daraus abgeleiteten orga­
nisatorischen Maßnahmen basieren in
erster Linie auf einem Wertekanon. Die
entsprechenden Haltungen, die Unter­
nehmenslenker an den Tag legen, sind
nicht selten vom persönlichen Umfeld
beeinflusst. So besprach etwa der Rewe-
Vorstand Lionel Souque seinen Plan zur
Abschaffung von Plastiktüten in deut­
schen Supermärkten vorab beim Früh-
stück mit seiner Familie. „Ma chérie,
wir machen was Tolles“, sagte er. Beifall
blieb aus. „Das genügt überhaupt nicht“,
entgegnete seine Frau und schob we­
nigstens ein Quantum Trost hinterher:
„Aber irgendwo muss man ja anfangen.“
Das Schlagwort „Nachhaltigkeit“ hat
sich mittlerweile als populärer Longsel­
ler etabliert — es wird wohl noch einige
Zeit ein zentraler Begriff im Manage­
ment bleiben. Anders hingegen das
Buzzword „organisatorische Resilienz“.
Nach unserem Eindruck hat es im Wirt­
schaftskontext nicht wirklich Fuß fas­
sen können. An der Grundidee, durch
erhöhte Widerstandsfähigkeit schwie­
rige Situationen ohne anhaltende Beein­
trächtigung zu überstehen, ist trotzdem
nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Dies
oder zumindest Ähnliches versprechen
jedoch auch andere angesagte Konzepte,
etwa Agilität, Fluidität oder Responsivi­
tät. Angesichts der ständig wechselnden
Management-Moden und Organisations-
Mythen sollten HR-Praktiker standhaft
bleiben und nachhaltig ihr sorgfältig ge­
wähltes Konzept umsetzen.
MARTIN CLASSEN
führt seit
2010 sein Beratungsunter-
nehmen People Consulting.
PROF. DR. CHRISTIAN
GÄRTNER
ist Inhaber der
Professur für BWL an der
Quadriga Hochschule Berlin.
rinnen fest, dass sich diese ökonomi­
schen Vorteile bereits recht kurzfristig
entfalten: Zwar müsse dauerhaft in
Maßnahmen zur Förderung von Resili­
enz und Nachhaltigkeit investiert wer­
den, der Nutzen dieser Maßnahmen zei­
ge sich jedoch schon nach kurzer Zeit.
Für wen oder was das Ganze gilt
Die Analyse beruht auf Daten US-ameri­
kanischer Unternehmen aus einem Be­
obachtungszeitraum von 1994 bis 2008.
Verglichen haben die Forscherinnen
die finanzwirtschaftliche Performance
von Firmen mit und ohne starkem En­
gagement bei sozialen und ökologischen
Themen. Der Datensatz stammt also von
der anderen Seite des Atlantiks — ent­
sprechend angelegte Studien stehen
hierzulande bislang noch aus.
Der wichtigste und der nachdenk­
lichste Satz
Wichtigster Satz: „Es gibt schon einen
unvermeidbaren Zielkonflikt zwischen
mehr Profit heute (durch Verzicht auf
Aktivitäten rund um Resilienz und
Nachhaltigkeit) und mehr Profit morgen
oder in Krisen (wenn sich diese Invest­
ments dann auszahlen).“
Nachdenklichster Satz: „Das vieler­
orts vorherrschende Kurzfristdenken,
etwa in Form von Quartalsberichten,
ist kontraproduktiv für langfristig er­
tragssteigernde Maßnahmen mit den
beiden Zielsetzungen kräftige Resilienz
und wirksame Nachhaltigkeit. Beides
braucht eine gewisse Zeit bis zur vollen
ökonomischen Wirksamkeit.“
Konsequenzen fürs HR-Management
Resilienz und Nachhaltigkeit reichen
weit über die HR-Dimension hinaus — es
sind Konzepte mit breiter unternehme­
rischer Bedeutung. Wie sich fehlende
Investitionen in reduzierter organisato­
rischer Resilienz niederschlagen kön­
nen, zeigte etwa die Situation von Toyota
nach dem verheerenden Tsunami in Ja­
pan vor fünf Jahren: Über viele Monate
hinweg war die Produktion durch Prob­
Zu oft hakt es noch am Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. Darum
stellen der Berater Martin Claßen und der Wissenschaftler Christian Gärtner im Personal-
magazin die Kernergebnisse internationaler Studien vor und ziehen Schlussfolgerungen
für das deutsche HR-Management. In diesem Serienteil geht es um die Studie „The
Long-term Benefits of Organizational Resilience through Sustainable Business Practices“,
die kürzlich im „Strategic Management Journal“ erschienen ist.
(bej)
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