54 PERSONALquarterly 02 / 23 SERVICE_DIE FAKTEN HINTER DER SCHLAGZEILE In der Wissenschaft wird das Verhalten, trotz Krankheit zu arbeiten, als Präsentismus bezeichnet. Am 5. Januar ist der Studienband „Präsentismus in einer zunehmend mobilen Arbeitswelt“1 von der Techniker Krankenkasse (TK) erschienen. Für die TK-Studie wurden 1.233 Beschäftigte, von denen zwei Drittel mindestens einen Tag in der Woche im Homeoffice arbeiten, online zu ihrem Verhalten bei Krankheit befragt. Lediglich 17 % der Befragten gaben an, nie krank zu arbeiten. Zu Hause würde häufiger trotz Krankheit gearbeitet als im Büro, so die Studie. Medien berichten über Arbeit trotz Krankheit Direkt zur Veröffentlichung der Studie am 5. Januar 2023 titelte das Handelsblatt „Gut jeder vierte Beschäftigte arbeitet häufig trotz Krankheit.“2 Die ZEIT zieht nach: „Viele Beschäftigte gehen krank zur Arbeit“3; und die FAZ schreibt: „Ein Viertel der Beschäftigten geht häufig krank zur Arbeit.“4 Alle drei Beiträge nahmen die wichtigsten Trends der TK-Studie auf: (1) Viele Beschäftigte greifen auf Medikamente zurück, um krank arbeiten zu können. (2) Führungskräfte arbeiten häufiger krank als Beschäftigte ohne Führungsverantwortung. (3) Frauen arbeiten häufiger, wenn sie krank sind, als Männer. (4) Jüngere Beschäftigte arbeiten häufiger krank als ältere. Als mögliche Gründe für Präsentismus werden genannt, es fehle eine Vertretung, es bestehe keine Ansteckungsgefahr, man wolle Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzlich belasten, es gäbe dringende Arbeitstermine oder man habe grundsätzlich Spaß an der Arbeit. Als negative Folgen von Präsentismus wurden verzögerte Genesung, mehr Fehler und Unfälle sowie allgemein verringerte Leistungsfähigkeit aufgegriffen. Am 6. Januar 2023 griff die Wirtschaftswoche in ihrem Beitrag „Warum arbeiten so viele Menschen im Homeoffice, obwohl sie krank sind?“5 ebenfalls die TK-Studie auf. Zusätzlich wurde hier die besondere Rolle des schlechten Gewissens beleuchtet. Abhängig davon, wie schnell sich das schlechte Gewissen bei den Beschäftigten melde, fiele es Beschäftigten leichter oder schwerer, bei Krankheit zu Hause die Genesung abzuwarten und dabei nicht zu arbeiten. Medial besteht Einigkeit darüber, dass krank zu arbeiten, sei es vor Ort oder zu Hause, keine gute Lösung ist. Für Organisationen stellt sich nun die Frage, wie es vermieden werden kann, dass Beschäftigte krank arbeiten, statt zu genesen. Der Forschungskontext 3 Seit etwa 25 Jahren wird Präsentismus zaghaft wissenschaftlich untersucht. Unter Präsentismus wird typischerweise verstanden, dass Beschäftigte gleichzeitig (1) krank sind, (2) zur Arbeit gehen und (3) Aufgaben erledigen (Aronsson et al., 20006). In den letzten Jahren wächst das Interesse an Präsentismus. Unter anderem haben Brosi und Gerpott (20227) jüngst den Begriff „Workahomeism“, also zu Hause arbeiten trotz Krankheit, als besondere Form von Präsentismus eingeführt. 3 Internationale Forschungsergebnisse zu Arbeit trotz Krankheit sind überwiegend unter den Begriffen Presenteeism, Sick at Work und Workahomeism zu finden. 3 Zentrale Fragestellungen der Forschung sind bislang z. B., warumMitarbeitende Präsentismus zeigen, welche Faktoren das Auftreten von Präsentismus begünstigen und ob Unternehmen Präsentismus beeinflussen können. Die Forschungslage 3 Lohaus und Habermann (20198) haben ein Review, also eine Übersichtsarbeit, über Präsentismus veröffentlicht. Zentrale Ergebnisse sind: - Es fehlt an einer einheitlichen Definition, konsistenten Messinstrumenten sowie einem umfassenden theoretischen Modell, das erklärt, warum Beschäftigte sich für Präsentismus entscheiden. - Aus Studien und einer Metaanalyse von Miraglia und Johns (20169) sind Variablen wie Commitment, hohe Arbeitsanforderungen und personelle Unterbesetzung bekannt, mit denen Präsentismus positiv zusammenhängt. Unklar ist, ob die Variablen Ursache oder Ergebnis von Präsentismus sind. 3 In der ersten Studie explizit zu Workahomeism untersuchten Brosi und Gerpott (202210) in drei experimentellen Studien (Vignette, Critical-Incident und Intervention) an Beschäftigten, In den Medien wird über die Arbeit zu Hause bei Krankheit diskutiert. Was diese Schlagzeilen und Meldungen für Unternehmen bedeuten, überprüft PERSONALquarterly. Trotz Krankheit zu Hause arbeiten? Dr. Christina Guthier, Wirtschaftspsychologin in Düsseldorf
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