40 PERSONALquarterly 02 / 23 NEUE FORSCHUNG_E-LEARNING Arbeitsmarktprognosen deuten darauf hin, dass bis 2030 etwa ein Drittel der weltweiten Erwerbsbevölkerung aufgrund von Digitalisierung und Automatisierung um- und weitergebildet werden muss. Dadurch werden arbeitsbezogene Lernmaßnahmen – in diesem Kontext angesehen als die systematische Entwicklung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Einstellungen, die ein Arbeitnehmer benötigt, um eine bestimmte Aufgabe effektiv zu erfüllen – für Unternehmen unumgänglich, um im lokalen wie auch im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben (Zahidi, 2020). Obwohl im Jahr 2019 weltweit mehr als 350 Milliarden US-Dollar in arbeitsgestütztes Lernen investiert wurden, waren diese Investitionen wenig effizient und zu wenig nachhaltig, da das Lernangebot weder zufriedenstellend war, noch sich auf die richtigen Inhalte konzentrierte, umMitarbeiter zu qualifizieren (Beer et al., 2016; Gartner, 2018). Arbeitnehmer geben überwiegend schlechte Schulungs- und Entwicklungsmaßnahmen als Hauptgrund für eine berufliche Neuorientierung an (Bersin, 2018). Obgleich Metaanalysen zeigen, dass Trainings für Einstellungs- und Verhaltensänderungen effektiv sind, hat es den Anschein, dass sowohl die Entwickler und Anbieter von Maßnahmen des arbeitsplatzbasierten Lernens als auch die verantwortlichen Führungskräfte wenig Klarheit darüber haben, wie man arbeitsbezogene Lernmaßnahmen so gestaltet, dass sie zu langfristigem Lernen und Wissenstransfer führen (Beier, 2021). Seit 1885 ist jedoch bekannt, dass etwas, um es wirklich zu lernen, über einen längeren Zeitraum in festen Abständen wiederholt oder in die Arbeit integriert werden muss, sodass die Wiederholung einen Automatisierungseffekt erzeugt. Sonst besteht das Risiko, dass 50 % aller vermittelten Informationen vergessen werden, wenn sie nicht innerhalb von 24 Stunden wiederholt werden. Da dies kaumBeachtung bei der Gestaltung und Umsetzung von arbeitsbezogenen Lernmaßnahmen findet, werden Lernbudgets größtenteils fehlinvestiert. „Richtiges“ arbeitsbezogenes Lernen jedoch ist u. a. positiv korreliert mit Arbeitszufriedenheit, Organisationsleistung, Innovation und verbesserter Entscheidungsfindung (z. B. Bersin, 2018; Ellis/ Kuznia, 2014; Ryu/Moon, 2019). Obwohl über diese positiven Aspekte grundsätzlich Einigkeit besteht, mangelt es an der tatsächlichen Umsetzung. Arbeitsbezogenes E-Learning durch Spaced Learning verbessern Von Hanan Kondratjew und Prof. Dr. Andreas Engelen (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) Dazu ist es wichtig zu verstehen, dass Lernen von drei Gedächtnisfunktionen abhängt: Kodierung, Speicherung und Abruf (Spielman et al., 2018). Alle drei Funktionen sind für das Lernen notwendig, aber es sind vor allem die Funktionen der Speicherung und des Abrufs von Bedeutung, wenn es um arbeitsbezogenes Lernen geht, da sie es den Lernenden ermöglichen, das Gelernte zu übertragen und anzuwenden. Das zuverlässigste und aussagekräftigste Phänomen des menschlichen Gedächtnisses ist dabei der Spaced-LearningEffekt. Er wird seit mehr als 100 Jahren erforscht und bezieht sich auf einen starken Vorteil im Langzeitgedächtnis, der sich aus bewusst geplanten Wiederholungen des zu Erlernenden ergibt (Carpenter et al., 2012; Cepeda et al., 2006; Vlach et al., 2019). Somit steht er im Gegensatz zum sog. Massed Learning, welches die konventionelle Lehrmethode benennt, bei der alle Lerninhalte in einer Einheit gelehrt werden. Die umfangreiche Literatur zu diesem Thema hat jedoch nur wenig Aufmerksamkeit auf ihre Auswirkungen auf reale pädagogische Lerninterventionen gerichtet. Sie konzentrierte sich vielmehr auf das wörtliche und sprachliche Lernen, das heißt auf sog. Faktenwissen (Anderson et al., 2001). Es fehlt jedoch an Forschung im Bereich des lebenslangen Lernens und des Lernens von prozeduralem Wissen, wie technologische, soziale, emotionale und höhere kognitive Fähigkeiten (Anderson et al., 2001) zuzuordnen sind. Letztgenanntes gilt jedoch als besonders wichtig für die Zukunft der Arbeit (Bodem-Schrötgens et al., 2021). Darüber hinaus hat, verstärkt durch die COVID-19-Pandemie, die Bedeutung und Nutzung von digitalen Lernangeboten wie E-Learning-Interventionen enorm zugenommen. Hierbei werden Inhalten und Lehrmethoden mithilfe von Medienelementen wie Worten und Grafiken auf einem digitalen Endgerät vermittelt, um beruflich übertragbare Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, die mit individuellen Lernzielen oder organisatorischen Leistungen verbunden sind (Clark/Mayer, 2016). Dennoch ist keine Spaced-Learning-Forschung bekannt, die untersucht hat, ob sich Effekte bei E-Learning-Interventionen zeigen. Im Vergleich zu analogen Trainings ist das Spektrum des Lehrangebots für E-Learning Interventionen viel größer: Verschiedene Instruktionsmethoden wie Bild, Schrift, Sprache,
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