11 02 / 23 PERSONALquarterly Auch steht der Einsatz von KI als Teammitglied demKonzept, Mitarbeitende durch KI ersetzen zu wollen, entgegen, da er darauf beruht, die Fähigkeiten und Stärken von Menschen und KI so zusammenzubringen, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Diese Herangehensweise ist u. a. darin begründet, dass für die überwiegende Zahl der bestehenden und voraussehbaren KIAnwendungen eine Besetzung von auf Menschen zugeschnittene Arbeitsrollen durch KI schlicht nicht möglich ist. Spätestens während der Implementierung von KI wird meist deutlich, dass Arbeitsprozesse durch KI eher transformiert werden, als dass bestehende Posten gänzlich von KI eingenommen würden. Entsprechend zielt der Ansatz, KI als Teammitglied zu integrieren, darauf ab, die bestehenden Fähigkeiten der menschlichen Teammitglieder zu bereichern, ummittels der so entstehenden Mensch-KI-Teams Leistungssteigerungen zu erwirken (Seeber et al., 2020). Neben diesen Überlegungen befeuert auch der rasante technologische Fortschritt den Diskurs über den Einsatz von KI als Teammitglied. Laufend werden Studien veröffentlicht, die über neue Durchbrüche, bspw. im Bereich von selbstlernenden Algorithmen oder KI-basierter Spracherzeugung und -verarbeitung, berichten. Erfolge wie diese ermöglichen die Entwicklung von KI-Systemen, die sich an sich verändernde Umgebungsbedingungen und Aufgaben anpassen, zu proaktivem Handeln in der Lage sind und mit Mitarbeitenden flexibel kommunizieren können. Aus Perspektive der Teamforschung decken diese Fähigkeiten viele der Kerneigenschaften ab, die für die Zusammenarbeit im Team essenziell sind (Lyons et al., 2019). Es sind jedoch nicht die wachsenden technologischen Möglichkeiten allein, wegen derer es für Unternehmen von Interesse sein sollte, sich mit dem Einsatz von KI als Teammitglied zu beschäftigen. Studienergebnisse zeigen, dass Personen, die KI nicht nur als Tool, sondern als Teammitglied wahrnehmen, eine positivere affektive Einstellung gegenüber KI haben und über geteilten Aufgaben besser mit ihr kommunizieren und sie koordinieren (O’Neill et al., 2020). In KI ein Teammitglied zu sehen, kann demnach leistungsbezogene Vorteile erbringen. Obwohl sich die Forschung zu Mensch-KI-Teams derzeit erst im Aufbau befindet, sind die Faktoren, die dazu beitragen, dass Menschen KI als Teammitglied wahrnehmen, vielfältig. Die Befundlage zeigt insbesondere, dass Menschen eine Reihe von Erwartungen (z. B. hinsichtlich fehlerloser Leistung, menschenähnlichen Kommunikationsfähigkeiten und der Fähigkeit zur Entwicklung eines geteilten Verständnisses der gemeinsamen Aufgabe) gegenüber KI-Teammitgliedern haben (Zhang et al., 2021). Wissen und Verständnis über diese Erwartungshaltungen und ihre Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden und KI sind ein fundamentaler Baustein für eine sichere und effektive Mensch-KI-Zusammenarbeit (O’Neill et al., 2020; Lyons et al., 2019). Ziel dieses Artikels ist deshalb, den derzeitigen Forschungsstand innerhalb dieses Themengebiets zusammenzufassen und die Auswirkungen KI-bezogener Erwartungen auf die Zusammenarbeit in Mensch-KI-Teams zu beleuchten. Neben der Literatur zu Mensch-KI-Teams ziehen wir dazu auch Erkenntnisse aus der psychologischen Literatur zur Erwartungsbestätigung und -widerlegung sowie der Forschung zu Interaktionen in menschlichen Teams heran. Die gesammelten Erkenntnisse fassen wir in sieben Beobachtungen zusammen. Zudem erarbeiten wir Handlungsempfehlungen für eine aktive Einbindung von KI-bezogenen Erwartungen in die Entwicklung und Implementierung von KI-Teammitgliedern und die fortlaufende Ausgestaltung der Mensch-KI-Zusammenarbeit. Welche Erwartungen haben Mitarbeitende gegenüber KI-Teammitgliedern? Erwartungen können als Annahmen über in der Zukunft liegende Geschehnisse und Handlungen definiert werden, die sich auf Situationen, Personen, technologische Systeme oder Institutionen beziehen können. Diese Erwartungen werden oftmals als antizipatorisch betitelt, da sie der Frage „Was wird geschehen?“ nachgehen. Darüber hinaus setzen sich Erwartungen jedoch auch mit der Frage „Was sollte geschehen?“ auseinander. In diesem Fall beschreiben Erwartungen keine Annahme (antizipatorische Erwartung), sondern einen Anspruch, der an die Zukunft gestellt wird. Sie werden deshalb auch als normativ beschrieben. Antizipatorische Erwartungen können sich von normativen Erwartungen unterscheiden. So zeigen z. B. Experimentalstudien, dass Menschen gegenüber KI-Teammitgliedern die antizipatorische Erwartung haben, sie würden eingeschränktere Kommunikationsfähigkeiten als ABSTRACT Forschungsfrage: Künstlicher Intelligenz (KI) wird zunehmend die Rolle eines Teammitglieds zugeschrieben. Deshalb untersuchen wir, welche Erwartungen Menschen an KI-Teammitglieder stellen und skizzieren, wie sich diese Erwartungen auf die Mensch-KIZusammenarbeit auswirken. Methodik: Wir fassen den Forschungsstand zusammen und leiten sieben Beobachtungen ab. Praktische Implikationen: KI-bezogene Erwartungen sollten in die KI-Entwicklung, Implementierung und fortlaufende Mensch-KI-Zusammenarbeit einbezogen werden. Wir zeigen Möglichkeiten auf, dieses Erwartungsmanagement in der Praxis umzusetzen.
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==