9 03 / 23 PERSONALquarterly Die Arbeitswelt unterliegt einem fundamentalen Wandel – sowohl durch den rasant fortschreitenden Einzug digitaler Technologien am Arbeitsplatz als auch durch neue Arbeitsformen und -strukturen zur Steigerung von Produktivität und Effizienz. Vor allem die Digitalisierung der Arbeitswelt verändert die Arbeitsweise für Mitarbeitende wesentlich: Workflow-Anwendungen, mobile Computer und Kommunikationsgeräte, kollaborative Software und Computernetzwerke gewähren Mitarbeitenden schnell und einfach Zugriff auf relevante Informationen, lassen sie räumlich und zeitlich flexibel arbeiten und Arbeitsergebnisse und Informationen mit Kolleginnen und Kollegen in Echtzeit teilen. So werden auch neue Formen der betrieblichen Organisation und Zusammenarbeit begünstigt; vor allem die projektteambasierte Arbeitsorganisation hat mit Blick auf die durch Technologie induzierte Flexibilität sowie Effizienz stark an Bedeutung gewonnen. In dem Bestreben, personelle Ressourcen möglichst effizient zu nutzen, setzen viele Organisationen auf dynamische Teamstrukturen, bei denen Einzelpersonen mehreren (Projekt-)Teams gleichzeitig zugewiesen werden; ein Setting, das als multiple Teammitgliedschaft (MTM) bezeichnet wird und in der heutigen Arbeitswelt eine verbreitete Organisationsform ist (O’Leary et al., 2011). Zwar bewirken Digitalisierung und Arbeiten in dynamischen Teamstrukturen eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeit, allerdings stellen diese Veränderungen der Arbeitswelt Mitarbeitende auch vor neue Herausforderungen und bergen das Risiko physischer und psychischer Belastungen. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) lassen Arbeitsprozesse vernetzter und komplexer werden, eliminieren zunehmend manuelle Tätigkeiten, ermöglichen durch Datenanalyse bisher unbekannte Einblicke in Prozesse und Abläufe und wirken sich ebenfalls auf die Art und Weise der Interaktion zwischen Kolleginnen und Kollegen aus. Um ein besseres Verständnis der Auswirkungen einer Digitalisierung der Arbeitswelt auf Mitarbeitende zu schaffen, wird zunehmend auf die Stressforschung zurückgegriffen, die die ambivalenten Folgen des Technologieeinsatzes für Mitarbeitende untersucht und sich verstärkt dem Phänomen „Technostress“ zuwendet (Ragu-Nathan et al., 2008). Technostress bezieht sich dabei Gestaltungsansätze für ein nachhaltiges Human Resource Management Von Prof. Dr. Marion Büttgen, Yannik Trautwein, Lea Kocheise und Dr. Ellen Weber (Universität Hohenheim) auf Stress, der durch die unzureichende Fähigkeit entsteht, mit neuartigen IKT sowie den damit verbundenen Veränderungen der Arbeitsweise adäquat umzugehen. Ein ähnlich ambivalentes Muster lässt sich auch im MTM-Kontext beobachten: Während MTM vor allem von Effizienzbestreben getrieben wird, wächst zugleich die Sorge über damit verbundene negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden. Immer mehr Mitarbeitende berichten, dass MTM zu intensivem Druck führt und häufig die persönlichen Ressourcen der Teammitglieder übersteigt (Mortensen/ Gardner, 2017). Einen generellen Anstieg des Stresslevels bei Mitarbeitenden hat auch das US-Meinungsforschungsinstitut Gallup verzeichnet: 2021 erreichte das weltweite Stressniveau bei Mitarbeitenden mit 44 % ein Rekordhoch (Gallup, 2022). Mit Blick auf daraus resultierende organisationale Auswirkungen, wie niedrigere Produktivität oder geringe Mitarbeiterbindung, wird Stressreduktion zunehmend ein zentrales Element eines nachhaltigen Human Resource Management (HRM), das u. a. auf die Verbesserung der Lebensqualität von Mitarbeitenden sowie auf eine Steigerung der sozialen Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Allerdings gibt es bisher nur wenig Forschung darüber, welche Gestaltungsansätze das HRM verfolgen kann, um stressbedingten Auswirkungen im Kontext einer digitalen und dynamischen Zusammenarbeit zu begegnen. Vor diesem Hintergrund bereitet der vorliegende Beitrag zunächst die bislang spärlichen MTM-Forschungsergebnisse sowie Erkenntnisse der Technostressliteratur auf und identifiziert Stressfaktoren, denen Mitarbeitende bei der Arbeit, sowohl in zunehmend digitalen Umfeldern als auch in mehreren Teams, ausgesetzt sind sowie mögliche daraus resultierende mitarbeiterbezogene Belastungen. Mit dem Fokus auf ein nachhaltiges HRM werden darauf aufbauend anhand eines Frameworks organisationale wie auch auf das Individuum ausgerichtete Ansatzpunkte zur Reduktion von Technologie- und MTM-induziertem Stress aufgezeigt. Stress: die Beziehung zwischen Stressoren, Belastung und situativen Faktoren Im Allgemeinen stellt Stress einen individuellen, kognitiven Zustand dar, bei dem ein Individuum ein Ungleichgewicht
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