Personal Quarterly 3/2023

52 PERSONALquarterly 03 / 23 ESSENTIALS_REZENSIONEN Auch wenn es noch wenig belastbare Evidenz dazu gibt, deuten einige Studien auf durchweg positive Effekte von Sabbaticals hin, so z. B. weniger Stress und Burn-out, gesteigertes Wohlbefinden und stärkeres organisationales Commitment. Von anekdotischer Evidenz abgesehen ist jedoch wenig darüber bekannt, wie Sabbaticals gestaltet werden und wie dies „das Leben danach“ beeinflusst. Diesen Fragen haben sich Kira Schabram, Matt Bloom und DJ DiDonna in Interviews mit 50 Professionals und Managern diverser Berufe und Branchen angenommen. Alle Interviewten beschrieben ihre Sabbaticals mal mehr, mal weniger bewusst, als Kombination aus drei verschiedenen Elementen: Erholung, Exploration und Praxis. Phasen der Erholung waren primär zur mentalen Erholung gedacht, um Stress abzubauen und in soziale Beziehungen zu investieren, die aus beruflichen Gründen vernachlässigt wurden. Diese Phasen waren nicht primär durch Reisen geprägt und wenn doch dann eher als luxusorientierte „erweiterte Urlaube“. Phasen der Exploration dienten dazu, sich selbst neu zu erfahren, neue Aktivitäten, Orte und Menschen kennenzulernen. Reflexion war für viele integraler Bestandteil dieser Phasen. Phasen der Exploration, häufig verbunden mit Reisen, waren mit hohen Hochs und tiefen Tiefs verbunden – Stress, Mühsal und andere Unannehmlichkeiten wurden teilweise aber auch als notwendiges Übel und Voraussetzung für persönliches Wachstum betrachtet (im Nachhinein wohlgemerkt). Phasen der „Praxis“ wiederum waren durch Tätigkeiten außerhalb der gewohnten beruflichen Grenzen geprägt, z. B. Freiwilligenarbeit, Tätigkeiten als Freelancer, persönliche Projekte etc. Aus der Kombination dieser drei Elemente bzw. Phasen identifizierten die Autoren drei verschiedene Typen von Sabbaticals. Rund ein Viertel der Interviewten verbrachte das Sabbatical als „Working Holiday“ – Phasen der Erholung wechselten sich mit Phasen der Praxis ab, während Exploration keine nennenswerte Rolle spielte. Häufig waren es konkrete, bisher aufgeschobene Projekte, welche diese Interviewten zu einem Sabbatical motivierten. Andere hatten lediglich den Wunsch, den Fokus temporär von der Arbeit hin zu anderen wichtigen Dingen in ihrem Leben zu verlagern, fanden sich dann aber doch letztlich in einer Phase der Praxis wieder, in der sie alternativen Tätigkeiten nachgingen, z. B. als Lehrer in einem fremden Land. Die meisten kehrten nach ihrer Rückkehr in ihren früheren Job zurück. Ein weiteres Viertel der Interviewten wurde primär durch das Verlangen nach Reisen und Abenteuer zu einem Sabbatical motiviert („free dives“), häufig ermutigt durch ihr soziales Umfeld. Dabei wechselten sich Phasen der Exploration mit Phasen der Erholung ab. Arbeit spielte für diese Gruppe keine Rolle – diesen Interviewten ging es ganz im Gegenteil gerade darum, Distanz zu ihrer Arbeit und externen Erwartungen zu gewinnen, um sich selbst und die eigenen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse zu hinterfragen. Die meisten hielten nach ihrer Rückkehr an ihrem bisherigen Karrierepfad fest, versuchten aber, ihre Arbeit besser an ihre Präferenzen anzupassen, z. B. durch aktive (Um-)Gestaltung oder Wechsel ihrer Stelle. Die andere Hälfte der Interviewten wurde durch externe Umstände in ein Sabbatical getrieben („quests“), bspw. durch adverse Arbeitsbedingungen, drohenden Burn-out oder die Erkenntnis, ein Plateau erreicht zu haben, von dem aus es kein eindeutiges Weiter gab. Ausgerechnet diese Gruppe, die sich am wenigsten Gedanken darüber gemacht hatte, was sie von ihrem Sabbatical und danach erwartete, erlebte die tiefgreifendste Veränderung. Anfänglich suchten diese Interviewten vor allem Erholung und fanden diese in einem entschleunigten Alltag oder beim Besuch von Verwandten und Freunden. An diese erste Phase der Erholung schloss sich eine Phase an, in der Exploration im Vordergrund stand, entweder durch Reisen oder indem sie intensiv Hobbys und anderen Aktivitäten nachgingen, die Zeit zur Reflexion und so größere Klarheit über sich selbst, Ziele, Wünsche und Bedürfnisse geben konnten. Diese Gruppe war es auch, die als einzige gezielt Phasen der Praxis in ihr Sabbatical integrierten, um das, was sie zuvor gelernt oder erfahren hatten, in die Tat umzusetzen, und die sich eher zu radikalen Karriereschritten entschlossen wie z. B. der Gründung eines Start-ups oder der aktiven Suche nach Alternativen zu ihrem bisherigen Karrierepfad. Zwar fanden sich alle Interviewten nach ihren Sabbaticals in sich selbst bestätigt, fanden größeres Vertrauen zu sich und ihre Fähigkeiten; jedoch nur für denjenigen, die sich bewusst Zeit für eine Phase der Exploration nahmen („free divers“), gelang es, sich frei von externen Erwartungen zu machen und ein authentischeres Selbst zu entwickeln; und nur denjenigen, die ihre Erkenntnisse aus einer Phase der Exploration gezielt in einer sich daran anschließenden Phase der Praxis auch tatsächlich angewendet haben, erfuhren ein erhöhtes Maß an Autonomie, das es ihnen ermöglichte, radikale Karriereschritte zu wagen („questers“). Besprochen von Benjamin P. Krebs Das transformative Potenzial von Sabbaticals Kira Schabram (University of Washington), Matt Bloom (University of Notre Dame) & DJ DiDonna (The Sabbatical Project): Recover, Explore, Practice: The Transformative Potential of Sabbaticals, Academy of Management Discoveries, forthcoming, 1-56.

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