50 PERSONALquarterly 03 / 23 ESSENTIALS_REZENSIONEN Während der Bedarf an potenziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Unternehmen in westlichen Industriegesellschaften aufgrund von makroökonomischen Trends (u. a. Altersstrukturen) immer schwerer gedeckt werden kann, verbleibt eine Gruppe an potenziellen Arbeitskräften meist außerhalb der akademischen und praxisnahen Diskussion: straffällig gewordene Menschen. Die Autoren der vorliegenden Studie beschreiben kurz die dahinter liegenden Gründe für eine geringe Partizipation dieser Gruppe im Arbeitsmarkt auf der Nachfrage- (u. a. psychologische Barrieren bei Unternehmen, Vorurteile etc.) und Angebotsseite (u. a. befürchtete Produktivitätseinbußen). Dieses Ungleichgewicht an potenziellen Barrieren im Arbeitsmarkt und einem hohen Angebot an straffällig gewordenen Menschen führt nach den Autoren zu einer überproportional hohen durchschnittlichen Arbeitslosenquote (27 % in 2008 in den USA). Die Autoren testen verschiedene Strategien zur Überwindung dieser Hürden in einem experimentellen Kontext („Discrete Choice Field Experiment“) in Kooperation mit einer großen, nationalen Jobvermittlungsplattform, die Zugriff auf circa 1.000 Unternehmen in den USA ermöglicht. Einzelne Unternehmen entscheiden dabei nicht über einzelne Personen, sondern reichen eine Liste mit standardisierten Anforderungen bei der Plattform ein, wodurch sich die Möglichkeit der „Manipulation“ (Randomisierung von Bedingungen) durch das Forschungsteam ergibt. Die Ergebnisse der Autoren zeigen, dass Arbeitgeber die durchschnittliche Produktivität dieser Gruppe niedriger einschätzen, jedoch deckt sich dies nicht mit der tatsächlichen Produktivität dieser Gruppe in der Studie. 39 % der untersuchten Unternehmen können sich (ohne Anreize oder weitere Bedingungen) grundsätzlich eine Zusammenarbeit mit straffällig gewordenen Menschen vorstellen. Der Wert steigt auf 45 % bzw. 51 %, wenn es sich um Berufe ohne direkten Kundenkontakt bzw. mit niedrigem Warenwert handelt. Bei Problemen, einen Kandidaten (niedriges Angebot) zu finden, steigt der Wert auf Straffällig gewordene Mitarbeiter: Chance für beide Seiten? Cullen, Z. (Harvard University – Business School (HBS)), Dobbie, W. (Harvard University – Harvard Kennedy School (HKS)) & Hoffman, M. University of Toronto – Rotman School of Management; National Bureau of Economic Research (NBER): Increasing the Demand for Workers with a Criminal Record. The Quarterly Journal of Economics, 138(1), 103-150, 2023. 68 %. Der Wert steigt ummindestens jeweils 10 Prozentpunkte, wenn einfache Bedingungen und Garantien hinzugefügt werden (z. B. mindestens ein positiver Leistungsnachweis, keine kurzfristige Verurteilung im letzten Jahr, eingeschränkter Hintergrundcheck, einfache Kriminalitätsversicherung). So erhöht z. B. die Bereitstellung einer Kriminalitätsversicherung von bis zu 5.000 Dollar die Nachfrage um 12 Prozentpunkte. Dabei unterscheiden die Autoren verschiedene Ausprägungen einer Bedingung (in diesem Fall: 1.000, 5.000, 100.000, und 5 Millionen Dollar Kriminalitätsversicherung). Der Effekt der moderaten Kriminalitätsversicherung entspricht dem gleichen Nachfrageeffekt einer (kaum dauerhaft zu erfüllenden) 80 % Lohnsubventionierung. Der Artikel erscheint bemerkenswert, da er konkrete Strategien zur Überwindung des ineffizienten Matchings zwischen straffällig geworden Menschen und Arbeitgebern vorschlägt und diese in einem Feldexperiment testet. Überraschend erscheinen die Ergebnisse der Autoren dahingehend, wonach ein beträchtlicher Teil der Arbeitgeber ohne jegliche Anreize oder Bedingungen mit straffällig gewordenen Personen arbeiten würde. Zudem kann diese Bereitschaft anscheinend mit einfachen konkreten Strategien erhöht werden, wie einer moderaten Kriminalitätsversicherung oder einem limitierten Hintergrundcheck (ein Jahr). Diese Strategien scheinen nach den Autoren „künstliche“ hohe Nachfragetreiber wie Lohnsubventionen zu übertreffen. Besprochen von Johannes Brunzel
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