19 03 / 23 PERSONALquarterly Gefühle von Fremdbestimmung und stärkt damit wahrgenommene Gestaltungsmöglichkeiten, infolgedessen das Neue als weniger bedrohlich empfunden und eine positive Einstellung zu Veränderungen befördert wird. Eine weitere Möglichkeit, Mitarbeitenden Angst und Sorgen vor dem Neuen zu nehmen, bietet die Vermittlung von Kompetenzen, welche sie fit für zukünftige Tätigkeitsfelder machen und die auf die Überwindung von Herausforderungen einzahlen. So ist etwa davon auszugehen, dass die In-vitro-Technologie neue Verfahrensschritte bei der Fleischverarbeitung erfordert, infolgedessen unter anderem Anpassungen bei der Herstellung von Wurstwaren notwendig sein werden. Entsprechend können Unternehmen im Bereich der Fleischverarbeitung, angefangen bei kleinen Metzgereien bis hin zu industriellen Großbetrieben, ihre Mitarbeitenden im Rahmen von Schulungen und Fortbildungen befähigen, neue Prozesse und Rezepte zu erlernen. Idealerweise gelingt es dabei, bestehendes Wissen und neues Know-how miteinander zu verknüpfen. Eine solche Verknüpfung kann für Mitarbeitende hilfreich sein, da bereits Erlerntes nicht vollständig entwertet wird, wodurch Gefühle der Überforderung und Unzulänglichkeit im Zuge des Veränderungsprozesses reduziert werden können. Neben technischen Fähigkeiten bietet es sich auch an, inter- und intrapersonale Kompetenzen zu vermitteln, etwa in den Bereichen Anpassungsfähigkeit, Konfliktbewältigung und Stressmanagement. Der Ausbau solcher Fähigkeiten wirkt sich nicht nur auf den direkten Umgang mit Sprunginnovationen aus, sondern nimmt auch Einfluss auf die Selbstwahrnehmung von Mitarbeitenden. So sind Mitarbeitende mit einer hohen Selbstwirksamkeit – also der Gewissheit, dass sie trotz der sich verändernden Anforderungen den Wandel umsetzen können – eher bereit, Veränderungsprozesse zu unterstützen (Jimmieson et al., 2004). Für die Förderung einer positiven Einstellung Veränderungen gegenüber ist es zudem hilfreich, Mitarbeitenden den gesellschaftlichen Mehrwert von Transformationsprozessen aufzuzeigen. Bei Sprunginnovationen für eine nachhaltige Entwicklung ist dies typischerweise gut möglich, da diese direkt auf die Erreichung von gesellschaftlichen Zielstellungen einzahlen. Neben Umweltschutz und Ernährungssicherheit bietet sich im Falle der zellulären Landwirtschaft auch das Thema Tierwohl an, da die Massentierhaltung durch die In-vitro-Erzeugung von Fleisch- und Milchprodukten nicht benötigt wird und zudem die In-vitro-Fleischherstellung schlachtfrei ist. Durch das Aufzeigen von gesellschaftlichem Mehrwert kann Mitarbeitenden ein übergeordneter Sinn für Veränderungen vermittelt werden, welcher wiederum positive Reaktion bei Mitarbeitenden auslöst. Eine solche Sinnhaftigkeit kann veränderungsbezogene Stressoren abmildern und Mitarbeitende anregen, Transformationsprozesse als positive Herausforderungen zu betrachten. So wirkt sich eine Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit bspw. positiv auf das Engagement von Mitarbeitenden aus und bestimmt zudem, inwiefern sie an Nachhaltigkeitszielen der Organisation mitwirken wollen (Jerónimo et al., 2020). Insgesamt kann durch eine Vermittlung von Sinn die Bereitschaft und Motivation von Mitarbeitenden gefördert werden, die mit Sprunginnovationen einhergehenden Veränderungsprozesse aktiv zu unterstützen und zu deren Gelingen beizutragen. Schlussbemerkung Die In-vitro-Erzeugung von tierischen Proteinen befindet sich aktuell im Stadium der Kleinserienproduktion. Der nächste Schritt ist die Skalierung der Technologie, welche nicht nur die Basis für die Herstellung der notwendigen Produktmengen, sondern auch für weitere Kostensenkungen darstellt. Zwar sind hierfür noch einige technische Herausforderungen zu bewältigen, gleichwohl ist es nicht mehr die Frage, ob in-vitro erzeugte Fleisch- und Milchprodukte auf breiter Front verfügbar sein werden, sondern wann dies der Fall sein wird. Obgleich das „Wann“ bei Sprunginnovationen typischerweise schwer prognostizierbar ist, so sind Unternehmen aus betroffenen Branchen gut beraten, sich frühzeitig hiermit auseinanderzusetzen. Die Praxis zeigt, dass etablierte Unternehmen regelmäßig scheitern, weil sie zu spät auf Veränderungen reagieren bzw. die Geschwindigkeit unterschätzen, mit der sich Sprunginnovationen im Markt durchsetzen. Je früher Unternehmen die Weichen für Transformationsprozesse stellen und ihre Mitarbeitenden für die Zukunft vorbereiten, desto besser sind die Chancen, die eigene Wettbewerbsfähigkeit auch in Zeiten des rapiden Wandels zu erhalten. Die frühzeitige aktive Auseinandersetzung mit Sprunginnovationen ist damit ein wichtiger Bestandteil eines nachhaltigen Personalmanagements.
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