Personal Quarterly 3/2023

17 03 / 23 PERSONALquarterly (zelluläre Methode) bzw. gar keine mehr (azelluläre Methode) benötigt werden. Die Reduktion der Nutztierpopulation zahlt darauf ein, dass in-vitro erzeugte Fleisch- und Milchprodukte nur einen Bruchteil der bei der konventionellen Herstellung anfallenden negativen externen Effekte verursachen. Erste Schätzungen für Rindfleisch prognostizieren etwa, dass durch die In-vitro-Erzeugung imVergleich zur konventionellen Erzeugung langfristig bis zu 92 % weniger Treibhausgase emittiert werden, etwa 90 % weniger Landfläche benötigt wird und der Wasserverbrauch um etwa zwei Drittel reduziert werden kann (Sinke et al., 2023). Vor dem Hintergrund, dass die konventionelle Erzeugung von Fleisch und Milch aufgrund ihres immensen ökologischen Fußabdrucks zu den großen Hemmnissen für eine nachhaltige Entwicklung zählt – bspw. ist die Produktion tierischer Lebensmittel für fast 20 % der menschengemachten Treibhausemissionen verantwortlich (Xu et al., 2021) – ist die zelluläre Landwirtschaft ein zentraler Stellhebel, um negative externe Umwelteffekte zu reduzieren und bspw. den Klimawandel zu begrenzen (Lin-Hi, 2022). Zudem kann die In-vitro-Erzeugung von tierischen Proteinen unabhängig von klimatischen Bedingungen erfolgen, was im Zeitalter des Klimawandels zur globalen Ernährungssicherheit beiträgt. Eine Besonderheit von Produkten aus der zellulären Landwirtschaft ist, dass sie – im Gegensatz zu pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen – keine Ersatzprodukte sind, die tierische Lebensmittel imitieren, sondern (nahezu) perfekte Substitute. Dementsprechend wird erwartet, dass Fleisch- und Milchprodukte aus zellulärer Landwirtschaft den gleichen Geschmack, das gleiche Aussehen und den gleichen Nährwert haben wie konventionelle Fleisch- und Milchprodukte. Konventionell und in-vitro erzeugte Fleisch- und Milchprodukte unterscheiden sich folglich nicht auf der Ebene der Produkte, sondern in der Art und Weise der Herstellung. Dies bedingt es, dass konventionell und in-vitro hergestellte Fleisch- und Milchprodukte die gleiche Konsumentengruppe adressieren und damit in einem direkten Wettbewerb zueinander stehen. Zelluläre Landwirtschaft und schöpferische Zerstörung Die zelluläre Landwirtschaft hat aufgrund ihrer erheblichen Vorteile gegenüber der konventionellen Fleisch- und Milchproduktion ein hohes Potenzial, einen Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter, 1942) auszulösen. Obgleich noch offen ist, wie der künftige Markt und die Geschäftsmodelle der zellulären Landwirtschaft aussehen werden, sind einige grundlegende Auswirkungen im Zusammenhang mit der Marktdiffusion von in-vitro erzeugten Fleisch- und Milchprodukten zu erwarten. Hierzu zählt zuallererst der bereits erwähnte substanziell reduzierte Tierbestand, infolgedessen das heutige Geschäftsmodell der Viehzucht und damit einhergehend Geschäftsmodelle von vor- und nachgelagerten Akteuren wie etwa Futtermittelherstellern, Schlachthöfen und Stalleinrichtern unterminiert werden. Auch Geschäftsmodelle mit Nebenprodukten wie Düngemittel und Kosmetika dürften durch die In-vitro-Erzeugung von tierischen Proteinen mit deutlichen Veränderungen konfrontiert werden. Ein Aufstieg der zellulären Landwirtschaft geht mit einer Reduzierung der konventionellen Fleisch- und Milchproduktion einher, infolgedessen Umsatzrückgänge in Branchen mit Verbindung zur Nutztierhaltung zu erwarten sind (Kearney, 2019). Hinzu kommt, dass mit dem großflächigen Eintritt von neuen Wettbewerbern langfristig Preise für Fleisch und Milch unter Druck geraten können. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die zelluläre Landwirtschaft langfristig günstigere Produktionskosten im Vergleich zur heutigen Art und Weise der Erzeugung verspricht (Bryant, 2020). Zudem sind die üblichen Konsequenzen einer schöpferischen Zerstörung in etablierten Branchen im Fleisch- und Milchbereich zu erwarten, u. a. die Entwertung von Investitionen, Technologien, Know-how und Netzwerken. Auch eine Ablösung der konventionellen Erzeugung von tierischen Proteinen durch die zelluläre Landwirtschaft liegt langfristig im Bereich des Möglichen. Die Konsequenzen für etablierte Unternehmen im Fleisch- und Milchsektor haben auch Auswirkungen auf Mitarbeitende. Die Literatur zeigt, dass größere Veränderungen sowohl in der eigenen Organisation als auch in der entsprechenden Branche beträchtlichen Stress und Ängste bei Mitarbeitenden auslösen können (Moran/Brightman, 2001). Für Sprunginnovationen wie die zelluläre Landwirtschaft gilt dies in besonderer Weise, da diese den Erfolg des eigenen Unternehmens bedrohen, was u. a. für Mitarbeitende Einbußen an Ressourcen wie EinkomABSTRACT Forschungsfrage: Wie kann ein nachhaltiges Personalmanagement die mit Sprunginnovationen einhergehenden Zielkonflikte für Mitarbeitende reduzieren? Methodik: Der Beitrag ist theoretisch-konzeptioneller Natur und nutzt zur Illustration die zelluläre Landwirtschaft. Praktische Implikationen: Aufgrund zunehmender Beschleunigung von technologischen Entwicklungen müssen sich Unternehmen proaktiv mit Sprunginnovationen auseinandersetzen. Zur Beförderung der organisationalen Veränderungsfähigkeit ist es wichtig, Mitarbeitende hierbei frühzeitig aktiv einzubinden.

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