PERSONALquarterly 03 / 23 16 SCHWERPUNKT_NACHHALTIGES HRM Die Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung zählt zu den vordringlichsten Aufgaben im 21. Jahrhundert. Es ist heute weithin anerkannt, dass Unternehmen die Verantwortung haben, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen und damit die Vereinbarkeit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen zu befördern. Dieser Verantwortung kommen Unternehmen heute regelmäßig nach und mittlerweile ist Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil des unternehmerischen Selbstverständnisses geworden. Die Handlungsmöglichkeiten für Unternehmen sind vielfältig und reichen vom Einsatz von erneuerbaren Energien über die Stärkung von Mitarbeitergesundheit und Diversity Management bis hin zur Verbesserung von Arbeits- und Sozialstandards in Lieferketten. Grundsätzlich gilt, dass die Integration von Nachhaltigkeit in Unternehmen ganzheitlich zu denken ist. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass Nachhaltigkeit in der Praxis langfristig auch einen unternehmerischen Mehrwert erzeugen kann. Entsprechend ist Nachhaltigkeit kein Projekt, sondern eine permanente Aufgabe der Unternehmensführung. Dieser Punkt spiegelt sich auch darin wider, dass dem nachhaltigen Personalmanagement eine zentrale Rolle bei unternehmerischen Nachhaltigkeitsstrategien zugeschrieben wird (Ehnert et al., 2016). Letztendlich sind es Mitarbeitende, die Strategien im unternehmerischen Alltag umsetzen, infolgedessen sie darüber mitentscheiden, ob Nachhaltigkeit lediglich auf dem Papier existiert oder Teil der DNA einer Organisation ist. Auf operativer Ebene zielt das nach innen gerichtete nachhaltige Personalmanagement dabei zum einen darauf ab, Mitarbeitende für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren und sie für entsprechende Aufgaben zu befähigen, und zum anderen darauf, ihr Wohlergehen sicherzustellen bzw. zu steigern (Kramar, 2014). Ein bislang wenig beachtetes, gleichwohl aber hoch relevantes Handlungsfeld für nachhaltiges Personalmanagement stellen Sprunginnovationen für eine nachhaltige Entwicklung dar. Sprunginnovationen verändern in disruptiver Art und Weise existierende bzw. erschaffen gänzlich neue Produkte, Dienstleistungen und/oder Märkte (Chandy/Tellis, 1998). Eine Sprunginnovation für eine nachhaltige Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Lösung für eine bislang nicht Sprunginnovationen für nachhaltige Entwicklung: Implikationen für nachhaltiges HRM Von Prof. Dr. Nick Lin-Hi , Marlene Reimer und Johanna Böttcher (Universität Vechta) bzw. nur unzureichend bewältigte Nachhaltigkeitsherausforderung bietet (Hall/Vredenburg, 2003). Angesichts der Vielzahl an nach wie vor ungelösten sozialen und ökologischen Problemen sind Sprunginnovationen von übergeordneter Relevanz, um die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu schaffen. Entsprechend sind sie auch ein wirkmächtiger Stellhebel für die unternehmerische Praxis, um zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Indes kreieren Sprunginnovationen für Nachhaltigkeit ein Spannungsverhältnis für das nachhaltige Personalmanagement, da sie aufgrund ihrer disruptiven Wirkung einen Stressor für Mitarbeitende darstellen, bestehendes Wissen entwerten und existierende Arbeitsplätze redundant werden lassen können. Zelluläre Landwirtschaft: Sprunginnovation für eine nachhaltige Entwicklung Ein Beispiel einer Sprunginnovation für eine nachhaltige Entwicklung ist die zelluläre Landwirtschaft, bei der vor allem tierische Proteine in-vitro durch die Kombination von Biotechnologie, Tissue Engineering und Molekularbiologie erzeugt werden (Stephens et al., 2018). Zu unterscheiden sind bei der zellulären Landwirtschaft zwei Ansätze: der zelluläre und der azelluläre (Datar et al., 2016). Die zelluläre Erzeugung tierischer Proteine basiert auf tierischen Zellen, die unter Zugabe von Nährstoffen in einem Bioreaktor zu tierischem Gewebe heranwachsen. Typischerweise werden so Muskel- und Fettgewebe vor allem zur Fleischproduktion gewonnen. Bei der azellulären Erzeugung tierischer Proteine hingegen braucht es keine tierischen Zellen als Ausgangspunkt, da die Präzisionsfermentation genutzt wird. Hierbei werden Mikroorganismen wie bspw. Hefen, Pilze oder Algen auf die Erzeugung von tierischen Proteinen programmiert. Mit dem azellulären Ansatz werden insbesondere Milchproteine hergestellt, welche dann wiederum als Grundlage für Milchprodukte dienen. Sowohl der zelluläre als auch der azelluläre Ansatz brechen radikal mit der Logik der bisherigen Erzeugungsweise von tierischen Proteinen, da die Prozesse nicht mehr auf der Ebene des gesamten Organismus ablaufen, sondern eben auf der zellulären Ebene. Dies führt dazu, dass bei der In-vitro-Technologie nur noch ein Bruchteil der heutigen Tiere zur Produktion
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==