PERSONAL quarterly 2/2020
PERSONALquarterly 02/20 58 SERVICE _EVIDENZ ÜBER DEN TELLERRAND H aben Sie gewusst, dass praktisch alle Studien in der Medizin pharmafinanziert sind? Das hat ei- ne Umfrage an deutschen Universitäten ergeben. Staatsmittel stehen keine zur Verfügung. Wie auch Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittel- kommission der deutschen Ärzteschaft, bemängelt, existieren fast keine pharmaunabhängigen Studien. Jede Pharmafirma beweist die Wirksamkeit des eigenen Medikaments. Und hier fallen die Ergebnisse – wen wird das verwundern – immer erstaunlich positiv für das eigene Medikament aus. Jeder drit- te wissenschaftliche Autor, so schrieb die internationale Zeit- schrift Nature schon 2005, manipuliert seine Ergebnisse durch Unterschlagung oder Uminterpretation von negativen Fakten, um den Interessen seines Auftraggebers entgegenzukommen. Es geht schließlich um viel Geld (Martinson BC et al.: Scientists behaving badly. Nature und Zylka-Menhorn: Jeder Dritte ist un- redlich. Deutsches Ärzteblatt 2005: 102: B1567-68). Und wenn dann einmal eine unabhängige Studie etwa als Metaanalyse durchgeführt wird, werden doch nur wieder die pharmafinan- zierten Studien zusammengefasst und ausgewertet, was ihnen nur umso mehr wissenschaftliches Gewicht verleiht. Vom Wert pharmaindustriefinanzierter Studien Unterm Strich hat die Pharmaindustrie ganze Arbeit geleistet und die Ärzteschaft einer konsequenten Gehirnwäsche unter- zogen. Nichts wird geglaubt ohne eine evidenzbasierte Studie. Über die Tatsache, dass Ärzte mittlerweile mit dem Betreten der Klinik den gesunden Menschenverstand beim Pförtner ab- geben, hat sich das British Medical Journal in einer Glosse lus- tig gemacht. Hier wurde die hypothetische Frage gestellt, ob beim Sprung aus dem Flugzeug ein Fallschirm sinnvoll wäre, um tödlichen Verletzungen vorzubeugen (Smith, G.C., Pell, J.P.: Parachute use to prevent death or major trauma related to gravitational challenge: systematic review of randomised con- trolled trails). Das Ergebnis ist mit viel schwarzem Humor ge- würzt: Es existieren viel zu wenige Untersuchungen, um eine fundierte evidenzbasierte wissenschaftliche Aussage darüber treffen zu können, ob ein Fallschirm in der Lage ist, Tod und Verletzung bei einem Sprung aus großer Höhe abzuwenden. Aus wissenschaftlicher Sicht sei dringend davon abzuraten, einen Fallschirm zu benutzen, bevor eindeutige evidenzba- sierte Studien vorliegen. Die Wissenschaft verlangt also Studien, die Pharmaindustrie liefert sie – und zwar zu allem, was sie verkaufen möchte. Hier erhalten fragwürde Medikamente Bestnoten durch eindeutig gefälschte Claims. Paradebeispiel sind Statine, die Blutfett senker. Diese senken zwar messbar das Blutfett, nicht aber das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Hier geben die deut- schen Krankenkassen jährlich fünf Milliarden Euro vergeblich aus. Und die Patienten leiden unter den Nebenwirkungen bei höchst fragwürdiger Wirkung. Achtung: In Deutschland ster- ben mehr Menschen durch die Nebenwirkungen von Medika- menten als im Straßenverkehr. Frauen wird erzählt, dass die regelmäßige Mammografie 90 % der Brustkrebsfälle erkennt. Das hört sich gut an, ent- spricht aber nicht den Tatsachen. Denn von 2.000 Frauen hat nur eine Brustkrebs. Und dieser wird in 9 von 10 Fällen er- kannt. Das sind, bezogen auf 2.000, aber keine 90 %. In anderen Ländern gilt die Mammografie ohne konkreten Krebsverdacht als Körperverletzung. Zu sinnvollen alternativen Behandlungsmethoden in der Medizin existieren schlicht keine evidenzbasierte Studien. Für die Erkenntnis, dass die natürliche Aminosäure Arginin ein potenter Blutdrucksenker ohne Nebenwirkungen ist, gab es 1998 den Nobelpreis in der Medizin. Bis heute wird Arginin nicht eingesetzt, weil keine Pharmafirma diesen natürlichen Stoff für sich patentieren kann. Ergo existiert keine einzige evi- denzbasierte Studie, obwohl der Nobelpreis per se jede Studie überflüssig macht. Evidenzbasierte Wissenschaft ist nur so gut wie die Men- schen, die mit all ihren wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen. In meiner Praxis arbeite ich fast ausschließlich mit den natürlichen essenziellen Substanzen, die zwar keine Lobby, aber eine durchschlagende Wirkung haben. Die essen- zielle Aminosäure Tryptophan etwa liefert die Grundlage zur Bildung des Stimmungshormons Serotonin im Gehirn. Das lehrt die Biochemie. Hohe Spiegel halten uns belastbar und resilient. Tiefe Spiegel verursachen Depression und Burn-out. Wundert es Sie da noch, dass bei den enorm ansteigenden psychosozialen Erkrankungen nicht mit dem natürlichen Stoff Tryptophan, sondern mit patentierbaren künstlichen Seroto- nin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) gearbeitet wird? Kaum einer merkt, dass hier zwar evidenzbasiert das Symptom, nicht aber biochemisch die Ursache behandelt wird. Evidenzbasierter Medizin misstrauen Dr. med. Michael Spitzbart, Gesundheitsexperte mit Privatpraxis in Salzburg und Instagrammer dr_spitzbart, www.drspitzbart.de
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