PERSONAL quarterly 2/2020
56 SERVICE _FORSCHERPORTRÄT PERSONALquarterly 02/20 Unternehmensrealität erforschen Vielseitig ist Stephan Fischer unterwegs: Der Professor an der Hochschule Pforzheim untersucht die Bedingungen nachhaltigen HR-Managements in Theorie und Praxis. Ruth Lemmer, Freie Wirtschaftsjournalistin in Duisburg S tephan Fischer hat bei SAP die Rolle von HR in einem komplexen Transformationsprozess empirisch unter- sucht. Der Professor für Personalmanagement und Organisationsberatung an der Hochschule Pforzheim befragte mehr als 1.000 Leute, wie Personalarbeit für die Trans- formation strukturiert werden muss. Er entwickelte aus seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen in dem Softwarekonzern die Idee des Transformationsnetzwerks – ein HR-Business-Part- ner-Konzept, das sich weit über die klassischen HR-Funktionen hinaus vernetzt, auch, damit das Personalwesen einen höheren Reifegrad erlangt. Für die Forschung, die er in Pforzheim mit Kollegen und Kolleginnen im Human Resources Competence Center (HRCC) anstößt, hat Fischer schon über eine Million Euro Drittmittel eingeworben. Aber das ist nur ein Aspekt, der für ihn den Reiz ausmacht. „Ich akquiriere gerne und gut, kann aber HRM auch inhaltlich besser einschätzen, wenn ich in der Unternehmensrealität forsche“, ist der 53-Jährige sicher. Außerdem sind die Kontakte aus der Praxis auch für die Lehre im HRCC gut. „In meinen Seminartiteln kommen im- mer Theorie und Praxis vor“, betont der Hochschullehrer. Er lehrt in den beiden Studiengängen Betriebswirtschaft/Perso- nalmanagement mit Bachelorabschluss und mit dem Master Human Resources Management (M. Sc.). Hochschullehrer Fi- scher übernahm an der Hochschule Pforzheim die Funktion als Studiendekan ebenso wie seit 2012 die als Direktor des Instituts für Personalforschung. Mit seiner Veranstaltungsrei- he „Business meets Science“ bringt Stephan Fischer seit 2011 HR-Forschung und Unternehmenspraxis einmal im Semester in jeweils zwei Vorträgen zusammen. Sein Expertentum in Personalfragen entwickelte er erst als Jungakademiker. Geboren 1966 in Berlin wuchs Stephan Fischer im beschaulicheren Karlsruhe auf und studierte von 1987 bis 1992 Soziologie und Politik an der Universität Heidel- berg. Weil ihm gefühlt noch ein paar gesellschaftlich relevante Komponenten im Studium fehlten, belegte Fischer zusätzlich Veranstaltungen der Rechtswissenschaft. Der diplomierte Sozi- ologe wechselte an die Universität Trier, wo er 1996 in Betriebs- wirtschaftslehre promovierte. In dieser Zeit blieb er Heidelberg treu. Er lehrte und forschte dort zur Betriebs- und Organisa- tionssoziologie. Das Thema Gerechtigkeit in Organisationen beschäftigte ihn genauso wie das DFG-Projekt „International Social Justice“ und Fragen der industriellen Beziehungen. „Ich haderte etwas mit der Soziologie und entwickelte eine Lei- denschaft fürs Personal“, blickt Professor Fischer zurück. Die hat der Wissenschaftler bis heute durch kontinuierliche Pflege frisch halten können. Seine Dissertation handelte von Human Resource Management und Arbeitsbeziehungen im Betrieb. Seine empirischen Daten eruierte der junge Forscher in der deutschen chemischen Industrie. Agilität multiperspektivisch betrachten Nah dran zu sein amObjekt seiner Forschung, das ließ Stephan Fischer immer wieder nach Unternehmensprojekten Ausschau halten. Dabei bringen für ihn erst die Mikro-, Meso- und Makro- ebene zusammen eine ganzheitliche Erkenntnis für das Perso- nalwesen. „Ich schaue multiperspektivisch auf das Handeln von Individuen, auf Netzwerke und Organisationen sowie auf die Gesellschaft“, sagt der 53-Jährige. „Führung ohne Kontext erklärt wenig.“ Seine Fragen: Wo liegen die Konflikte? Was erreichen Kooperationen? Was muss geregelt werden in den Arbeitsbeziehungen? Wenn sich gesellschaftlich die Ansprü- che verschieben wie von den aufbaugetriebenen Babyboomern zur Work-Life-Balance-Generation, dann müssen Unternehmen und Organisationen nachziehen. Gerade bei seinen aktuellen Schwerpunkten Agilität und Transformation spielt der Blick auf alle drei Ebenen eine entscheidende Rolle für den unter- nehmerischen Erfolg. Fischer: „Deshalb betrachte ich auch heute noch in Lehre und Forschung alle Personalfragen erst einmal aus organisationstheoretischer Perspektive.“ Doch 1996 rückte Stephan Fischer zunächst ein wenig ab von der Hochschule und an die unternehmerische Praxis noch ein gutes Stück näher heran als in seiner Doktorarbeit. Gemeinsam mit Professor Hansjörg Weitbrecht, einem seiner Doktorväter, gründete er die O & P Consult AG, in der er bis 2009 Vorstand blieb, dann den Vorsitz im Aufsichtsrat einnahm und seit 2015 im wissenschaftlichen Beirat die Aufgabe übernimmt, Kom- plexität in Organisationen zu erkunden. O & P Consult berät vor allem mittelständische Firmen in Fragen des Kompetenz- und Change Managements, in der Prozessorganisation und Potenzialanalyse. Noch einen Schritt weiter in Richtung ope-
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