PERSONAL quarterly 2/2020
10 PERSONALquarterly 02/20 SCHWERPUNKT _NEW WORK W enige Begriffe sind derzeit in der deutschenWirt- schaft so populär wie der Begriff NewWork. Eine telefonische Befragung von 1.002 Berufstätigen von Bitkom Research ergab, dass 92 % der Be- fragten sehr oder eher aufgeschlossen gegenüber New Work sind (Schuster, 2019). Es existiert eine Vielzahl von New-Work- Beratern, New-Work-Akademien, New-Work-Kongressen und auf demHöhepunkt der Popularität des Begriffs in Deutschland hat sich der Mutterkonzern von Xing in New Work umbenannt. Zunehmend erschwert diese Begriffsbeliebigkeit die prak- tische und wissenschaftliche Arbeit. New Work verliert seinen Wert, wenn es alles und nichts sein und bewirken kann. Um das zu verhindern, kann die Wissenschaft helfen, indem sie das Thema systematisch analysiert und in einer Theorie prak- tisch zusammenfasst. Eine Theorie ist ein geordnetes System von Annahmen in einem gemeinsamen Gegenstandsbereich (Wirtz, 2017). Das Wissen zu einem Phänomen wird durch eine Theorie systema- tisiert und komprimiert (Wirtz, 2017) und häufig werden in Theorien Ursache- und Wirkungszusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen formuliert (Gill/Johnson, 2006). In diesem Artikel wird erläutert, woher der Begriff New Work kommt und definiert, was man wissenschaftlich unter New Work versteht. Danach wird ein Prozessmodell dazu entworfen (vgl. Abb. 1), wie New Work wirkt und unter welchen Bedin- gungen New Work besonders starke bzw. schwache Effekte besitzt. Ausgehend von diesem Modell sollen auch Perspek- tiven aufgezeigt und Erklärungen angeboten werden, warum New-Work-Maßnahmen scheitern. Die Theorie soll Praktikern ermöglichen, New-Work-Maßnahmen besser zu verstehen, ein- zusetzen und zu steuern. Sie ist als Weiterentwicklung der An- nahmen von Frithjof Bergmann gedacht, der den Begriff New Work mit seinem mittlerweile in 6. Auflage verfügbaren Buch „Neue Arbeit – neue Kultur“ geprägt hat (Bergmann, 2017). Der Beitrag startet mit einer Erläuterung des Verständnisses von New Work aus dem Blickwinkel von Bergmann. New Work aus der Sicht von Frithjof Bergmann Frithjof Bergmann ist ein aus Österreich stammender Philo- soph, der an der University of Michigan sein philosophisches Wann funktioniert New Work? Eine praktische und psychologische Theorie zu New Work Von Prof. Dr. Carsten C. Schermuly (SRH Berlin University of Applied Sciences) Werk erarbeitet hat. Der Hegelianer konnte die Transfor- mationsprozesse in der amerikanischen Autoindustrie der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, die zu vielen Entlassungen führten, aus der Nähe beobachten. Bergmann stellte sich die Frage, was mit den Menschen passieren soll, die ihre Arbeit verlieren, und fand eine kapitalismuskritische Antwort darauf. Bergmann möchte den Kapitalismus nicht ab- schaffen, aber grundsätzlich reformieren und identifiziert vor allem die tayloristische Lohnarbeit als dessen größtes Problem (Bergmann, 2017). Dem Taylorismus will er mit zwei Maßnah- men entgegentreten. Erstens möchte Bergmann, dass Menschen nur noch zwei bis drei Tage in der Woche einer tayloristisch geprägten Lohnarbeit nachgehen. In der restlichen Zeit sollen Menschen ihrem be- ruflichen „calling“ folgen. Menschen sollen einer Arbeit nach- gehen, die sie „wirklich, wirklich wollen“ (vgl. Bergmann, 2017, S. 21) und damit Sinn in ihrer Arbeit erfahren. Zweitens möchte Bergmann, dass Menschen autonom arbei- ten. Bergmann entwirft die Vision einer Hightech-Eigenpro- duktion (Bergmann, 2017). Mit technologischer Unterstützung sollen Menschen Gegenstände des täglichen Bedarfs eigenver- antwortlich herstellen. Sie sollen laut Bergmann am Anfang eines Arbeitstags selbstbestimmt entscheiden, was sie heute produzieren möchten, und durch die vielfältigen Tätigkeiten, die das erfordert, an Kompetenzen gewinnen. Bergmann macht, wie z. B. auch die Vertreter der humanistischen Psy- chologie, darauf aufmerksam, dass menschliche Bedürfnisse in der tayloristisch organisierten Arbeitswelt vernachlässigt werden, und betont Bedürfnisse wie das Streben nach Sinnhaf- tigkeit, Autonomie und Kompetenz. Er entwirft aber keine kohärente Theorie, die Variablen miteinander logisch verbindet und dadurch messbar ist. Dies soll mit dem Rahmen, den das psychologische Empowerment- Modell bietet (Spreitzer, 2008), erreicht werden. Psychologisches Empowerment als Weiterentwicklung von Bergmanns New Work Gretchen Spreitzer unterscheidet zwischen einem psycho- logischen und einem strukturellen Empowerment-Ansatz (Spreitzer, 2008). Der strukturelle Ansatz fokussiert die or-
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