PERSONALquarterly 4/2020
46 ESSENTIALS _REZENSIONEN PERSONALquarterly 04/20 Ü berqualifizierung, also mehr Fähigkeiten, Wissen und Erfahrungen zu haben, als für den Job notwen- dig, gilt oft als Problem. Diese Einschätzung beruht in der Wissenschaft auf zwei Theorien und wurde schon mehrfach belegt: Einerseits, der Equity Theory folgend, empfinden die betroffenen Mitarbeiter die Situation als unfair, weil sie sich mit ihren unmittelbaren Kollegen vergleichen. Sie passen dann ihre Leistung an die geforderte Leistung an. Ande- rerseits, der Relative Deprivation Theory folgend, deprimiert es solche Mitarbeiter, wenn sie mehr erwarten, als sie bekommen, und mehr leisten könnten, als in ihrem Job erwartet wird. Die Autoren empfehlen nun noch weitere Ansätze und zei- gen damit, dass es auch eine Reihe positiver Effekte gibt, die so bisher kaum betrachtet wurden. Empirisch belegt arbeitet der überqualifizierte Mitarbeiter nämlich durchschnittlich mindestens so gut, wie gefordert, oder besser und trägt damit zur Performance des Unternehmens positiv bei. Die Autoren sehen vier Bereiche, in denen Überqualifizierte einen positiven Einfluss auf ihre Kollegen haben. Erstens: Sie nutzen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten über ihren eigenen Job hinaus. Zweitens wird ihnen ein höherer Status im Kollegium zugesprochen, was die Wertschätzung steigert und dazu führt, dass den Mitarbeitern mehr zugetraut wird. Drittens haben Überqualifizierte einen positiven Einfluss auf ihre unmittel- baren Kollegen, weil sie ihr Wissen weitergeben. Sie sorgen damit dafür, dass das verfügbare Wissen im Unternehmen wächst. Und viertens verbessern überqualifizierte Mitarbeiter die gemeinsame Wahrnehmung der Gruppe, was ebenso zu einer Performancesteigerung der Gruppe führt. Um auch als Unternehmen von den positiven Effekten pro- fitieren zu können, sollten verschiedene Rahmenbedingungen ermöglicht werden: Dem Teammit dem überqualifizierten Mit- arbeiter sollte intensive Kooperation untereinander ermöglicht werden. Führungskräfte sollten überqualifizierten Mitarbei- tern neue Chancen im Unternehmen bieten und so die intrin- sische Motivation fördern. Auch aus HR-Perspektive sollte eine auf Stärken fokussierte Förderung und die gemeinsame Refle- xion über die Zusammenarbeit im Team imMittelpunkt stehen. Besprochen von Peter Göhre , Lehrstuhl International Business, Universität Paderborn. Überqualifizierung als Chance Hans van Dijk (Tilburg University), Amanda Shantz (Trinity College Dublin), Kerstin Alfes (ESCP Europe): Welcome to the bright side: Why, how, and when overqualification enhances per- formance. Human Resource Management Review, 30(2), 2019. S eit der Finanzkrise 2008 hat sich der Performance- Druck auf die Mitarbeiter immens erhöht. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich auch Ungleichheit und schlechte Arbeitsbedingungen unter den Mitarbeitern immer weiter ausbreiten. Salas-Vallina, Alegre und López-Cabrales be- legen mit ihrer jüngst veröffentlichten Studie, dass bestimmte HR-Praktiken signifikant zur Verbesserung des Wohlbefindens der Mitarbeiter beitragen können. Sie zeigen außerdem, dass ein höheres Wohlbefinden die Performance steigert. Im zugrundeliegenden Forschungsmodell sehen die Autoren drei Dimensionen des Wohlbefindens der Mitarbeiter: Glück bei der Arbeit (psychologisches Wohlbefinden), Erschöpfung (körperliches Wohlbefinden) und Vertrauen (soziales Wohlbe- finden). Diese Dimensionen werden beeinflusst von den jewei- ligen Führungskräften und deren Führungsstil. In der Studie testen die Autoren das neue Prinzip des Engaging Leadership („einnehmende Führung“) auf den Einfluss auf diese drei Di- mensionen des Wohlbefindens hin. Engaging Leadership zeich- net sich durch eine starke Beziehung zu den Mitarbeitern und dem Ziel der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse aus. Mit Blick auf die Personalabteilung sehen die Autoren sechs Bereiche, die das Wohlbefinden der Mitarbeiter und die Perfor- mance steigern können: Beschäftigungssicherung, Schulung und Entwicklung, Qualität des Arbeitslebens, Kommunikation, Teamarbeit und ein gutes Verhältnis zum direkten Vorgesetzten. Die Autoren führten eine Umfrage in Spanien durch und nutzten Antworten von rund 1.400 Angestellten. Alle Annah- men lassen sich bestätigen. Mit Blick auf die Implikationen für die Praxis geben die Autoren mehrere hilfreiche Tipps zur Steigerung der Leistung der Mitarbeiter: Mitarbeiter müssen Wertschätzung erfahren, sei es durch längerfristige Anstel- lungsverhältnisse oder Investitionen in Trainings- und Ent- wicklungsprogramme. Außerdem sollten Führungskräfte ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der ihnen zugeordneten Mit- arbeiter haben, gut mit ihnen kommunizieren und mögliche Verbesserungen auch umsetzen. Besprochen von Peter Göhre , Lehrstuhl International Business, Universität Paderborn. Wohlbefinden der Mitar beiter steigert Performance Andrés Salas-Vallina & Joaquín Alegre (University of Valencia), Álvaro López-Cabrales (Pablo de Olavide University, Sevilla): The challenge of increasing employees‘ well-being and performance: How human resource management practices and engaging leadership work together toward reaching this goal. Human Resource Management, 1–15, 2020.
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