PERSONAL quarterly 1/2020

7 01/20 PERSONALquarterly PERSONALquarterly: Was sind aus Ihrer Sicht die am weitesten verbreiteten Stereotype bezüglich der Arbeit von Freiwilligen, die sich auf Basis der Forschung als unzureichend herausge- stellt haben? Theo Wehner: Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei der Frei- willigenarbeit sicher nicht nur um prosoziales, selbstloses Verhalten. Im Vergleich zum spontanen Helfen ist die Freiwilli- genarbeit wohlüberlegt, geplant, auf längere Zeit angelegt und kann – man denke etwa an das Internationale Rote Kreuz oder die Feuerwehr– als nachhaltig betrachtet werden. Die Tätigkeit selbst, die Vereinszugehörigkeit bzw. organisationale Einge- bundenheit in eine Non-Profit-Organisation und der Wertebe- zug sind es zudem, die das Verhalten angemessen beschreiben. Auch wenn es sich, die Herkunft und das Bildungsniveau der Freiwilligen berücksichtigend, immer noch vorrangig um eine Bürgertugend handelt, sind es doch sehr unterschiedliche Mo- tive, die in die Freiwilligenarbeit führen und die Freiwilligen bei der Stange halten. PERSONALquarterly: Altruismus versus Egoismus greift bei der Er- klärung von Freiwilligenarbeit zu kurz. Welche Motivstrukturen lassen sich sinnvoll unterscheiden? Theo Wehner: In dieser Frage hat sich die hohe Methodenkompe- tenz der Psychologie am deutlichsten gezeigt. Psychologische, meist quantitative Forschung konnte zeigen, dass es sich bei der Freiwilligenarbeit um ein multifaktorielles Phänomen han- delt. Ein Großteil der frühen Forschung (Batson et al., 1981) betonte vor allem den Unterschied zwischen selbstdienlichen Beweggründen, die darauf abzielen, das eigene Wohlergehen durch die Freiwilligentätigkeit zu erhöhen und solchen sog. selbstlosen Motiven, bei denen das Wohlergehen der Person, welche die Hilfe erhält, im Vordergrund steht. International durchgesetzt hat sich schließlich der funktionale Ansatz (Cla- ry et al., 1998), der davon ausgeht, dass Freiwilligenarbeit eben verschiedene Funktionen auszufüllen vermag. Mit dem Volunteer Functional Inventory (VFI; Oostlander et al., 2014) werden sechs Funktionen erhoben: Werte-, Erfahrungs-, Karri- ere-, Schutz-, Selbstwertfunktion und soziale Anpassung. Auch wenn sich diese Funktionen entweder einer Tendenz in Rich- tung Egoismus (etwa die Karrierefunktion) oder Altruismus (etwa die Wertefunktion) zuordnen lassen, würde man durch diese Dichotomisierung der Komplexität der Beweggründe nicht gerecht. Es gilt vielmehr im Gegenteil, dass durch neuere Forschung eher weitere Funktionen, bspw. die Gerechtigkeits- funktion, herausgefunden wurden (Jiranek et al., 2013). PERSONALquarterly: In der personalwirtschaftlichen Freiwilligen- forschung steht die Analyse der Motive im Vordergrund. Dabei kommen vor allem Befragungen zum Einsatz. Wie schätzen Sie die Aussagekraft dieser Befragungen ein, wo sind die Grenzen und welche alternativen Forschungsdesigns sehen Sie? PROF. EM. DR. PHIL. THEO WEHNER ETH-Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften E-Mail: twehner@ .ethz.ch Theo Wehner studierte an der Universität Münster Psychologie und Soziologie und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbei- ter in Münster und Bremen, promovierte an der Universität Bremen und habilitierte sich 1986 dort. Von 1989 bis 1997 war er Professor für Arbeitspsychologie an der TU Hamburg- Harburg, seit 1997 ordentlicher Professor an der ETH Zürich für das Fach Arbeits- und Organisationspsychologie und Leiter des ETH-Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaf- ten. Er wurde 2014 emeritiert und ist derzeit Gastprofessor am Institut „Technik + Bildung“ der Universität Bremen. Seine Schwerpunkte sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperatives Handeln und psychologische Sicherheitsforschung. In seiner Forschung ist ein sowohl quantitatives als auch qualitatives empirisches Vorgehen zentral. Forschungsprojekte beschäftigten sich mit frei-gemeinnütziger Tätigkeit 1 (Volunteering) und frei-gemein- nützigem Engagement von Unternehmen 2 (Corporate Volun- teering) sowie dem bedingungslosen Grundeinkommen. 1 Wehner, T./Güntert, S. (2015): Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation. Berlin: Springer. 2 Wehner, T./Gentile, G.-C. (Hrsg.)(2012): Corporate Volunteering – Unternehmen im Spannungs- feld von Effizienz und Ethik. Berlin: Springer Gabler.

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