PERSONAL quarterly 1/2020

6 SCHWERPUNKT _INTERVIEW PERSONALquarterly 01/20 PERSONALquarterly: Was sind die konstituierenden Merkmale von Freiwilligenarbeit? Theo Wehner: Ich greife in der folgenden Beschreibung auf die Gedanken und Konzepte zurück, die wir gemeinsam in der vor knapp 20 Jahren etablierten ETH-Forschungsgruppe „frei- gemeinnützige Tätigkeit“ entwickelt haben (für einen Über- blick über die Mitgestalter siehe Wehner/Güntert, 2015, oder Wehner/Güntert/Mieg, 2018). Wir gehen nicht davon aus, dass es sich bei der Freiwilligenarbeit nur um ein sozialpsycho- logisches Phänomen handelt und mit fortgesetztem Hilfever- halten hinreichend gekennzeichnet ist. Es geht um die Arbeit sowie um die organisationale Einbettung und nicht nur um die Freiwilligkeit. Freigemeinnütziges Tätigsein ist zudem nicht nur von verschiedenen individuellen Motiven, sondern auch von politischen Rahmenbedingungen, zivilgesellschaftlichen Strukturen sowie von organisationalen Gegebenheiten in Pro- fit- und Non-Profit-Organisationen abhängig. Diese Position verlangt arbeits- und organisationspsychologische Forschungs- kompetenz und führte uns zu der These: Wer von der Freiwil- ligenarbeit spricht, der spricht immer auch von der jeweiligen Arbeitsgesellschaft, in der sie ausgeübt wird. PERSONALquarterly: Wie grenzt sich Freiwilligenarbeit von Erwerbs- arbeit und anderen Formen unentgeltlicher Tätigkeit ab? Theo Wehner: Bei einer Umschreibung sollte man davon ausge- hen, dass das freiwillige Engagement grundsätzlich auch von einer anderen Person ausgeführt und potenziell bezahlt wer- den könnte, wenn es einen Markt hierfür gäbe. In der von uns vorgeschlagenen Umschreibung ist die Freiwilligenarbeit nicht nur von jeder Erwerbsarbeit abgegrenzt. Wir grenzen sie auch von der Freundschafts- oder Beziehungspflege ab, obwohl die- se durchaus sozialen Charakter hat, aber sicher nicht bezahlt werden würde; dies gilt selbstverständlich auch für Hobbys jeglicher Art. Da die Familie ein Element von Gemeinwesen ist und nicht selbst Gemeinwesen, fallen auch die Hausarbeit, fa- miliäre Fürsorge und verwandtschaftliche Unterstützung nicht unter den Begriff. Die gemeinnützige Tätigkeit von Sozialhilfe- empfängern oder gar von Strafgefangenen zählen desgleichen nicht dazu, denn ihr mangelt es an Freiwilligkeit. Vor diesem Hintergrund haben wir die folgende Definition angeboten und Freiwilligenarbeit – Abgrenzung, Forschungs­ ansätze und empirische Befunde Das Interview mit Prof. em. Dr. Theo Wehner erfolgte schriftlich. Die Fragen formulierte Prof. Dr. Heiko Weckmüller hoffen, dass sie anschlussfähig ist für weitere Überlegungen: „Frei-gemeinnützige Tätigkeit umfasst unbezahlte, organisier- te, soziale Arbeit; gemeint ist ein persönliches, gemeinnütziges Engagement, das mit einem (regelmäßigen) Zeitaufwand ver- bunden ist, prinzipiell auch von einer anderen Person aus- geführt und, wenn ein Markt hierfür vorhanden wäre, auch bezahlt werden könnte.“ PERSONALquarterly: Welchen Umfang nimmt die Freiwilligenarbeit in Deutschland ein und was sind die wesentlichen Tätigkeitsgebiete? Theo Wehner: Die Frage gehört in den Zuständigkeitsbereich des Freiwilligensurveys. Zur 4. Erhebungswelle 2014 wurden knapp 29.000 Personen in einem 30-minütigen Telefoninterview be- fragt (Simonsen/Vogel/Tesch-Römer, 2016). Die Berichtslage ist aus meiner Sicht hervorragend, auch wenn mancherorts Metho- denkritik geübt wird, was ich bisweilen als Immunisierungsstra- tegie bezeichnen würde. 2014 waren 30,9 Millionen Menschen (43,6 %) der deutschen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert. Im Längsschnitt zeigt sich seit 2009 eine Steigerung von knapp 10 %, wofür einerseits die Aufmerksamkeit seitens der Politik und andererseits die Bildungsexpansion verantwortlich gemacht werden. Wie in den meisten Ländern sind es Personen mit höherer Schulbildung, meist im Erwerbsleben stehend, so- zial oder familial gut eingebunden und eher im mittleren Le- bensalter. Eine Zunahme des Engagements ist seit 1999 in allen Bevölkerungsgruppen feststellbar, wobei Frauen ihr Engagement deutlicher ausgeweitet haben. Das Engagement der jüngeren und älteren Personen hat gegenüber der mittleren Altersgruppe ebenfalls stärker zugenommen. Vergrößert haben sich die Unter- schiede zwischen den Bildungsgruppen. Personen mit höheren Schulabschlüssen und akademischer Bildung haben nochmals stärker zugelegt. An der Spitze der Engagementfelder stehen die Vereine. Mit einer Engagementquote von 16,3 % liegt der Sport- und Bewegungsbereich an der Spitze, gefolgt von Schule und Kindergarten (9 %) sowie Kultur und Musik (9 %). Während wir die Erwerbsarbeit in Branchen einteilen, fehlt bei der Frei- willigenarbeit eine solche Betrachtung. Dabei wäre es durchaus sinnvoll, den Besuchsdienst von der Museumsaufsicht oder der Bewegungsanleitung und die Berghilfe von der Mitarbeit bei der Erstellung des europäischen Vogelatlas abzugrenzen.

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